„Bloggen hat mich von vielen Problemen befreit“

„Добрий день [Guten Tag] Valeria! Як справи [Wie geht es Ihnen]?“
So, da verlassen mich meine Ukrainisch-Kenntnisse schon. Damit kann ich aber zumindest Valeria begrüßen, unsere Bloggerin des Monats!
In ihrem Ukraine-Blog schreibt sie über Themen zu ihrem Heimatland. Valeria beruhigt mich ob meiner Begrüßung gleich in zweierlei Hinsicht: Erstens könne ich sie doch ruhig duzen, und zweitens spreche sie ausgezeichnet Deutsch. Sie lebt seit 1995 in Deutschland, reiste bisher aber in vielen Sommern immer wieder in ihre Heimat. Im Jahre 2013 begrüßte Valeria die Ukraine zum zehnten Male. Ihre Gründe, viel Zeit und Arbeit in ihr Weblog zu stecken, sind außergewöhnlich und regen zum Nachdenken an.

Valeria auf dem Rathausturm in Lemberg

Valeria auf dem Rathausturm in Lemberg

Hallo Valeria! Auf einer Seite deines Blogs stehen zwei Fotos nebeneinander. Eins zeigt dich um 1995 als Kind mit einer ukrainischen Seemannsmütze, das andere im Jahre 2012 als junge Frau. Was ist in diesen 18 Jahren in deinem Leben passiert…?

Mein leiblicher Vater war Seemann – daher das Matrosenhemd und die Mütze. Im Jahre 1995 bin ich zusammen mit meiner Familie aus der Ukraine ausgereist. Aus welchen Gründen wir nach Berlin gegangen sind, kann man genauer in meinem Blog nachlesen. Für ein sechsjähriges Kind war das alles jedenfalls schwer zu verstehen, aber trotzdem irgendwie aufregend. Schwer bzw. gar nicht zu verstehen war auch die deutsche Sprache – ich habe das Lernen regelrecht gehasst 😉
Wir durften dann 7 Jahre lang nicht aus Deutschland ausreisen. Das war nicht leicht, da man ja alle Freunde und Verwandte in der Ukraine „zurückgelassen“ hatte. So habe ich mich in dieser Zeit komplett an die deutsche Lebensweise gewöhnt.

Wie bist du unter diesen Umständen zum Bloggen gelangt?

Als ich im Jahre 2002 endlich wieder in mein Heimatland reisen durfte, war ich sozusagen ziemlich deutsch bzw. „westeuropäisch“ – samt Handy und Internet. Das war in der Ukraine damals noch nicht so verbreitet. Ich interessierte mich sehr für Computer und alles was dazu gehörte. Ich hatte kurze Zeit später bereits eigene Webseiten.
Um das Jahr 2010 bin ich auf Blogs gestoßen und war begeistert wie nie zuvor. Beim Bloggen gehe ich total auf. Das sagen auch meine Freunde und meine Familie – die kommen privat manchmal nämlich etwas zu kurz. Aber ich fühle mich einfach sehr wohl in der Netzwelt. Es klingt vielleicht komisch, aber das Bloggen hat mich von vielen „Problemen“ befreit und mir neue Türen geöffnet.

Was ist deine größte Motivation, ein Blog zu betreuen? Schreibst du nur für dich, oder auch für andere, die vielleicht den gleichen Weg wie du gegangen sind und noch gehen werden?

Meine größte Motivation ist die Begeisterung zum Schreiben, zu anderen Menschen und zu deren Geschichten und Persönlichkeiten. Ich mag es, den Menschen draußen etwas zu geben, auf eine Art, wie nur ich es kann und wie sie mir möglich ist. Darum möchte ich allen sagen, die auch einen eigenen Blog aufsetzen wollen: Sucht euch ein Thema, wofür ihr wirklich brennt! Versucht von Anfang an, einen roten Faden zu ziehen, einen Mehrwert für die Leser zu schaffen und natürlich eure Ziele und Wünsche mit reinzupacken.

Reiseführer Ukraine

Du bloggst in deutscher Sprache über Themen deines Heimatlandes. Was denkst du, sind große Verbindungspunkte zwischen der Ukraine und Deutschland?

Schau dir mal die deutschen Medien an. Über kulturelle und politische Themen bzw. Ereignisse wird sowohl in Deutschland als auch in der Ukraine gerne diskutiert.
Seit der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 gibt es auch verstärkt Gespräche und Diskussionen mit der Europäischen Union bezüglich eines EU-Beitritts. Derzeit brauchen zum Beispiel deutsche Staatsbürger kein Visum für einen Urlaub in die Ukraine. Es ist viel einfacher so, in das Land einzureisen.

Bei welchen Themen gibt es denn die höchste Reaktivität deiner User?

Anfangs habe ich auf meinem Blog über politische Themen geschrieben. Da wurde gerne und viel kommentiert und diskutiert. Mittlerweile stehen diese Bereiche etwas hintan, da ich mich zu wenig dafür interessiere und damit auskenne. Dagegen ist das Interesse zur ukrainischen Sprache und zu Reiseberichten sehr groß. Ansonsten sind Foto-Essays und Artikel über ukrainische Gewohnheiten, Eigenarten und Bräuche sehr beliebt.

Eine wesentliche Grundlage deines Blogs sind die alljährlichen Reisen, die du unternimmst. Wie lange und wo warst du dieses Jahr in der Ukraine?

Dieses Jahr war ich eine Woche in der Westukraine und besuchte die Städte Lviv und Luzk. Im August war ich darüber hinaus zwei Wochen auf der Krim, hauptsächlich in meinem Geburtsort Sevastopol. Danach noch eine Woche in Sumy, im Osten nahe der russischen Grenze.

Suchst du aktiv nach Geschichten, die du verbloggen kannst, oder ist es oft so, dass die nächste Geschichte eher dir nachstellt?

Die Geschichten entstehen spontan aus der Situation oder aus meinem Kopf heraus. Da ich es liebe, zu beobachten und zu fotografieren, steht auch gerne mal ein Foto als Ursprung eines Artikels. Das heißt, aus der Nachbetrachtung von Fotos zaubere ich dann meine Essays.

Mit welchem Verkehrsmittel erlebt man eigentlich am meisten, wenn man von Deutschland in die Ukraine reist?

Ich bin ein totaler Zugfan und schon oft in und durch die Ukraine mit der Eisenbahn gereist. Daher empfehle das auch gerne weiter! Leider gibt es keine direkte Zugverbindung mehr in die Ukraine. Die letzte von Berlin nach Kiew wurde letztes Jahr eingestellt. Am besten fährt man nun über Warschau oder Budapest. Hätte ich einen Führerschein, würde ich sicher auch öfters diese Variante nutzen – Road Trips können auch sehr spannend, lustig und lehrend sein.

Stichwort Stereotype. Du öffnest vermutlich vielen deiner Leser die Augen über die Ukraine. Aber hast du auch schon negative Erlebnisse im Zusammenhang mit deinem Blog erlebt?

Negative Erlebnisse? Nein, da fällt mir nichts ein. Im Gegenteil – durch den Blog habe ich eine Menge Positives erlebt. Derzeit habe ich viele „Kenner“ unter den Lesern, das bedeutet, dass diese User selbst schon viel über die Ukraine wissen und/oder selbst dort waren. Sie lesen dann nicht immer unbedingt Neues.

Letztes Jahr im Sommer fand die Fußball-EM der Männer in jeweils vier polnischen und ukrainischen Städten statt. Warst du nach 2012 noch einmal in Charkow oder Donezk (zwei der vier ukrainischen Ausrichtungsorte) und hast dir ein Bild von Stadien und Stadt machen können? Wie ist es dort jetzt im Vergleich zu vor der EM?

Nein, leider nicht. Ich habe ein Jahr vor der EM die Hauptstadt Kiew besucht und konnte mitverfolgen, wie sich die Ukrainer darauf vorbereiten. Das war lustig. In einem Hostel haben sie ganz fleißig Englisch gelernt (lacht). Nach der EM bin ich aber durch Kiew gereist, war in anderen Städten, habe die Entwicklungen verfolgt und natürlich auch mit meinem Verwandten und Freunden in der Ukraine darüber gesprochen. Die Städte entwickeln sich, wenn auch langsam und unabhängig von solchen Veranstaltungen. Produkte sind zum Beispiel teurer geworden.

Burg in Luzk

In Luzk

Es gibt auf deinem Blog nicht nur viel und guten Content, sondern auch ein Forum (mit Chat), Umfragen, Gewinnspiele und seit kurzem einen kleinen Ukraine-Shop! Betreust du deinen Blog bisher ganz alleine, und darüber hinaus, ist Bloggen dein Hauptberuf?

(lacht) Da ich manchmal 24/7 blogge, könnte man das ruhig als Hauptberuf bezeichnen. Leben kann ich aber noch nicht davon, wenn du das meinst. Das Forum ist ein ganz neues externes Projekt – mit mir als Admin. Der Ukraine-Shop ist lediglich eine Einbindung von Amazon Produkten (aStore). Aber ja, ich mache alles alleine. Hole mir jedoch gerne Hilfe von außen, sei es über Google oder andere Blogger.

Was denkst du, worüber wirst du in 5 Jahren bloggen, und was ist dann aus deinem jetzigen Blog geworden?

Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich lebe hier und jetzt und bin kein Fan von großartigen Plänen. Wenn ich viel im Voraus plane, geht das irgendwie immer schief. Also habe ich gelernt, auf mein Gefühl zu hören. Natürlich habe ich Ziele, Träume und Co., aber das ist eine andere Sache.

Abschließende Frage: Du kennst bestimmt unseren Weltvermessen-Faktor. Darin stellen wir eine bestimmte Kennzahl unseres jeweiligen Landes vor, um das es gerade geht. Mit welchem Faktor überraschst du uns heute?

Die Ukraine ist nur 1.515 Kilometer (Luftlinie) von Deutschland entfernt. Also überhaupt nicht so weit weg, wie viele vielleicht denken. Als Verdeutlichung: Nach Spanien sind es 1.617 Kilometer, also etwa einhundert Kilometer mehr.

Liebe Valeria,

wir danken dir, dass du dir heute für uns Zeit genommen hast!

Valeria auf der Krim-Insel

Valeria in ihrer zweiten Heimat, auf der Krim

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