Eine Bloggerin für alle Fälle

Seitdem ich in den 90er Jahren mit dem Liederzyklus „Nach Hamburg“ von Hannes Wader (Universal Music, CD 07314 5125632, Youtube zofft sich leider mit Universal) in Berührung gekommen war, sehe ich die Hansestadt mit besonderen Augen, und dazu auch immer wieder gerne. Es gibt, analog zu unserem Bayern Reiseblog vom Monat Februar, natürlich auch in Hamburg einige Stadtschreiber, und unsere Bloggerin des Monats März, Rabea Ganz, ist eine von ihnen. Man könnte auch sagen, sie ist das Mädchen für alle Fälle! Warum, lest ihr hier!

Am St. Pauli Fähranleger (c) Rabea Ganz

Am St. Pauli Fähranleger. Copyright Rabea Ganz

Wie wurde der St. Pauli-Blog geboren?

Moin moin, Rabea! Wir vollziehen heute gemeinsam einen Kulturwechsel auf Weltvermessen, nach all den süddeutschen Blogs 😉 Im Vorgespräch sagtest du, dass es „falsche Städte“ nicht gibt, in denen einer lebt – nur den Fehler, sich nicht auf das Leben dort einzulassen. Bitte erzähl uns kurz etwas zu deiner Herkunft, wo du schon überall Station gemacht hast und womit du aktuell dein Brot verdienst.

Da fange ich mal von hinten an: Ich verdiene mein Geld als freie Journalistin, bin aber eine Quereinsteigerin über die Food-Medien-Branche. Studiert habe ich nämlich Ökotrophologie in Osnabrück (übrigens auch eine schöne Stadt zum Leben). Meine Wurzeln liegen aber in Ostwestfalen – dort wo die A30 die A2 kreuzt und immer Stau ist. Um auch mal etwas anderes als die deutsche Sauberkeit zu sehen, habe ich auch Ausflüge nach Thailand und Indien gemacht, aber das sind andere Geschichten.

Wo stammt denn dein Vorname her? Wir sind ziemlich neugierig…

Meine älteste Schwester bekam einen Namen aus dem neuen Testament, meine ältere Schwester einen aus dem Alten – meine Name ist bibelfrei. Er stammt aus dem Hebräischen oder Arabischen und bedeutet „das Mädchen“ oder „der Frühling“. Im Nahen Osten heißt übrigens eine Teemarke genauso wie ich.

Seit 2012 „funkst“ du über deinen Blog aus dem schönen St. Pauli. Wie reifte in dir die Entscheidung, dein Tun, Sein und Denken auf diese Weise in die Welt zu tragen?

Es war kein Reifeprozess, sondern eher eine Kurzschlussreaktion à la „da habe ich jetzt einfach mal Lust drauf“. Es muss nicht immer alles penibel durchdacht sein, das hindert häufig den freien Fluss, die Kreativität und auch das Potential eines Blogs. Deshalb habe ich bei meinem Blog auch immer mal die Richtung gewechselt. Am Anfang habe ich gar nicht so viel über St. Pauli geschrieben, dann nur noch und heute beziehe ich auch andere Teile Hamburgs mit ein. Mein Blog ist mein Raum und den gestalte ich wie es mir gefällt. Es gab auch schon Beschwerden darüber, dass ich den Stadtteil „Veddel“ nicht beachte. Ich habe der Person dann vorgeschlagen, doch einen eigenen Blog darüber zu schreiben.

Rabea – ein Mädchen für alle Fälle

Hamburger Michel (c) Thilo Götze

Hamburg. Copyright: Thilo Götze

Wie bist du auf den Namen der Domain gekommen? Welche Bedeutung steckt dahinter?

Diese Frage hat mir gestern auch eine Kollegin gestellt und ich kann nur sagen: Ich weiß es nicht mehr. Aber damit die Leser eine beruhigte Antwort haben, können Sie gerne wählen:
a) … weil ich in meinem beruflichen Leben stets diese Position besetzte
b) … weil die Übersetzung meines Namens „Mädchen“ bedeutet
c) … weil ich die ARD-Fernsehfilmreihe „Tatort“ mit ihren absurd entwickelten Fällen mag

Es gibt ja so einige Hamburger Blogs. Was, denkst du, sind deine Alleinstellungsmerkmale?

Zum einen, dass ich auf St. Pauli immer noch hineinwachse und den Stadtteil so hinnehme wie er ist, ohne ihn verändern zu wollen. Kritisieren kann man immer – aber lieben, das tut man nur selten. Zum anderen, dass ich meinen Blog nicht verkaufe und auch nicht anstrebe. Alle Inhalte sind von mir geschrieben, nichts Werbliches.

Welche Schwerpunkte setzt du bei deiner Arbeit? Was muss ein Thema auch hergeben, damit es blogwürdig wird?

Ich muss Lust haben über das Thema zu schreiben, denn beruflich sitze ich schon genug am Schreibtisch und brüte über Themen und Texte. Deshalb muss es bei meinem Blog auch auch nicht immer positiv sein. Wenn mir eine Pizza nicht schmeckt, schreibe ich es. Wenn ich einen Prozess in der Stadtteilentwicklung kritisch sehe, hinterfrage ich es auch mal. Der Leser soll einfach ein ehrliches Bild von dem Leben auf St. Pauli bekommen ohne zu sehr in Schwärmereien zu verfallen. St. Pauli ist nicht nur idyllisch-romantisch, es hat auch seine Kehrseiten wie Kotze und krakeelende Briten vor der Tür. Aber wo wäre das St. Pauli ohne das alles?

Das Thema Rezepte und Gastronomie ist zum Beispiel sehr umfangreich, es gibt einen ganzen Rezepte-Index. Hast du ein Geheimrezept für unsere Leser?

Linsensalat mit Frikadellen – gibt es heute auch wieder und ist lecker! Ansonsten setzte ich gerade auf Bircher Müsli: Apfel reiben, Haferflocken, Rosinen, Leinsamen, ein Schuss Öl und den Saft einer halben Zitrone hinzugeben. Anschließend die Schüssel mit Hafermilch auffüllen. Das macht satt bis zur Mittagspause.

St. Pauli – ein Stadtviertel wandelt sich

Wohnungssuche in St Pauli (c) Rabea Ganz
Als ich im August 2013 das letzte Mal durch St. Pauli geschlendert bin, war es relativ ruhig im Viertel. Wir waren bei den Landungsbrücken und haben im Astra-Biergarten etwas getrunken. Gut, es war gerade 15 Uhr erst – aber du als Kennerin, wie hat sich das Viertel (unabhängig von meiner Stippvisite) in den letzten Jahren verändert? Wie würdest du das einschätzen?

Die Entwicklung geht einerseits zum Hippstertum und andererseits zum Ballermann. Die Mieten steigen hier so stark, dass sich viele Alteingesessenen die Mieten nicht mehr leisten können – also ziehen Menschen hierhin, die das Budget haben. Sie sitzen dann in Wohnungen über Kiosken und Kneipen und beschweren sich dann über den Lärm der Feiernden – als ob sie das vorher nicht gewusst hätten. Es ist eine Mischung die sich nicht verträgt. Ich sage immer: Überleg dir zweimal, ob du tatsächlich auf den Kiez ziehen willst. Aber St. Pauli ist ja nicht nur laut und dreckig. Nördlich der Reeperbahn gibt es ruhige Gegenden und der Hein-Köllisch-Platz ist auch eine wunderbare Wohnlage.

Du engagierst dich sozial, spendest für Hilfsprojekte und schreibst sogar gegen einen schwedischen Immobilienhai an. Hast du manchmal auch Ärger bekommen wegen eines Beitrags?

Nein, bis jetzt noch nicht. Aber gerade bei kritischen Themen achte ich auch darauf journalistisch zu schreiben. Das bietet wenig Angriffsmöglichkeiten. Indirekt wurde ich zwar schon erpresst, aber solange man sich nicht direkt an mich wenden, sehe ich auch keinen Handlungsbedarf.

Gibt es daneben noch andere Dinge, die dir in deinem Viertel nicht gefallen?

Spontan fällt mir nichts ein – ich nehme St. Pauli wie es ist. Natürlich hat man mal Tobsuchtanfälle, wenn man einfach mal in Ruhe schlafen will. Aber im Endeffekt weiß ich wo ich wohne und suche es mir selber aus. Ich könnte ja auch umziehen.

Gehst du am Wochenende zum Millerntor, sprich bist du Fußball-Anhängerin? Wenn ja, welchen Platz machen die Jungs vom 1. FC St. Pauli diese Saison noch?

Nein, ich bin kein Fußballfan. Aber ich höre das Stadion trotzdem gerne jubeln.

Ruhige Ecken – Erholung in St. Pauli

Hans-Albers-Platz  Hamburg (c) Rabea Ganz

Hans-Albers-Platz. Copyright Rabea Ganz

Wenn du mal abschalten willst und Ruhe brauchst – wo gehst du dann hin?

Bevor ich mit meinem Freund zusammengezogen bin, wohnte er in Horn. Das ist von St. Pauli zirka elf Kilometer entfernt und bot mir einen angenehmen Ruheraum. Doch vor neun Monaten haben wir eine Wohnung am Hans-Albers-Platz gefunden (30 Meter von meiner alten WG entfernt) seither bleibe ich, wenn ich Ruhe suche meist auf paulianischen Terrain wie dem Planten und Bloomen, dem Fähranleger vor der Fischauktionshalle, die Plattform auf der anderen Seite des Elbtunnels oder eben auch in meinem Zimmer – man kann auch im ärgsten Trubel seine Ruhe finden, das ist Gewohnheitssache. Ansonsten hilft auch ein Ausflug nach Wilhelmsburg, am besten mit dem Fahrrad.

Was nimmst du dir für 2015 vor, welche wichtigen Projekte stehen on- und offline für dich an?

Wichtige Themen sind für mich dieses Jahr: Entschleunigung, der digitalen Welt in meinem Privatleben nicht zu viel Raum zu geben (Smartphones und Social Media können ganz schön nerven) und Dinge zu lernen, die ich für mein Leben als nützlich empfinde. Ende Januar habe ich deshalb einen Tischlerkurs mitgemacht. Mal gucken, was ich in Hamburg noch so finde: Intarsien, goldschmieden, imkern… alles spannend.

Während einer Demo auf St. Pauli (c) Rabea Ganz

Während einer Demo auf St. Pauli. Copyright: Rabea Ganz

Zu guter Letzt hätten wir gerne noch deinen Weltvermessen-Faktor von dir, Rabea. Mit dieser von dir gewählten Zahl kannst du noch mal etwas Aussagekräftiges zu diesem Interview beisteuern, vllt auch etwas, was noch nicht besprochen wurde, aber unbedingt hier reingehört!

2013 – im Dezember 2013 wurde eine Demonstration zum Thema „Lampedusa, Rote Flora und Esso-Häuser“ in der Schanze eingekesselt – ein einprägendes Erlebnis. Wenige Tage später wurde das Ende der Esso-Häuser besiegelt. Im Januar 2014 folgte die Ausrufung des Gefahrengebiets aufgrund einer vermutlichen Falschaussage der Polizei. Eine Zeit in der man sich als Anwohner von den ganzen Hundertschaften schon bedroht gefühlt hat. Wenn man möglichst ungestört zu seiner Wohnung wollte, war es besser keinen schwarzen Hoodie zu tragen.

Liebe Rabea, wir danken Dir für deine Zeit, wünschen Dir alles Gute und bleiben auf deinem Blog am Ball – Mädchen, auf alle Fälle! 😉

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1 Kommentar

  1. Hamburg ist eine wundervolle Stadt zum Fotografieren, Essen gehen, Entspannen und Leben! Es gibt unendlich viel zu sehen und zu erkunden! Habe zwar immer nur bekannte Plätzchen besucht, aber der Blog scheint wirklich vielversprechend zu sein. Next destination – Hamburg 🙂