Die 7 Inseln im Strudel des englischen Kanals

Unsere Bekannten Angelika und Johannes touren seit einigen Jahren mit ihrem Segelschiff während der Sommermonate auf den verschiedensten Gewässern Europas zu immer neuen Zielen. Sie nehmen uns heute mit auf eine Tour auf die Englischen Kanalinseln, dort, wo nicht allzu viele von uns je den Boden betreten werden. Ihr Bericht im Stile eines (B)logbuchs ist ein Auszug aus einem Reisebericht, von denen es auf Angelikas und Johannes‘ Seiten www.mitfahrn.de und dem Blog des Schiffs „Magic Cloud“ noch viel mehr zu lesen gibt. Ein (B)logbucheintrag als Blog des Monats Januar – das hatten wir noch nicht.

Albion House auf Alderney, mit Kneipe (c) Johannes Frost

Das Albion House mit der Kneipe, die sich weltweit am nächsten zu einer Kirche befindet.

Wie ein Lied aus Kindertagen trage ich meine Erinnerungen an die Kanalinseln in mir. Erinnerungen an unvergessliche 6 Wochen auf Eilanden, die zweimal pro Tag im strömenden und schwappenden Meer versinken. Vom Golfstrom, der Heizung Europas, gespeist, revanchieren sich diese Eilande mit üppiger Natur. Völlig zu unrecht sind diese Inseln etwas „vergessen“ worden in unserem so südwärts gerichteten Urlaubsleben.

Ein Flugzeug oder eine Fähre muss man allerdings schon besteigen, ich lande bequem mit eigenem Schiff, zunächst auf Alderney. Eine lange ansteigende Straße prüft meine Seglerbeine, der Ort offenbart keinen Pub für das längst ersehnte Bier. Ich bin enttäuscht, fast deprimiert. Es wird nicht Liebe auf den ersten Blick, der bereits auf die größeren Schwestern Guernsey und Jersey schielt. Alderney wird verlassen, ohne umrundet zu sein. Der spröde Charme ist Ausdruck ihrer Lage, zu weit draußen und mit Ruderbooten für unsere Ahnen kaum erreichbar. Die Tide schiebt uns nach Südwesten in den quirligen Hafen von St. Peter Port. Hier fühlen wir uns sofort wohl.

Britische Pubgemütlichkeit in maritimer Hafenatmosphäre

Das Albion House lädt zum typischen englischen Bier ein, welches man auf kleinen Teppichen absetzt. Ein Busssystem umrundet die Insel und das Innere derselben, perfekt für Hop on und Hop off. Guernsey lohnt es aber auch, selbst bewandert zu werden. Die rauhe Westküste, von einem Sturm aufgewühlt, pustet mir meine letzten überflüssigen Festlands-Gedanken weg, danke, ich war im Insel-Urlaub angekommen. Von St. Peter Port, dem Zentrum der Insel, werden tägliche Bootsreisen zu den vorgelagerten Inseln Herm und Sark angeboten. Von diesen kleine Inselidyllen hat es mir besonders Sark angetan. Die Geschichte des Seigneur mit seinen 40 treuen Gefolgsleuten liefert jeder Reiseführer. Kein Auto fährt auf der leicht hügeligen Insel. Eine Unterkunft auf Sark bedeutet Abstand gewinnen vom Festlandsleben. Mit dem Blick über die grünen Weiden und Wiesen und dem umgebenden Wasser des Atlantik reduziert man sich auf eigene Ursprünge.

Tourismus auf der Kanalinsel Sark (c) Johannes Frost

Der Inseleffekt schlägt erbarmungslos zu.

Besatzungszeit der Nazis – eine Touristenbeschäftigung auf Sark

Das Inselmuseum präsentiert größtenteils Dokumente aus der Besatzerzeit durch die Nazis. Ein Umstand, der auch auf den anderen Kanalinseln für die Touristenunterhaltung gerne verwendet wird. Bunker und andere Liegenschaften der „Germans“ können besichtigt werden. Die Werbung lässt vermuten, dass durchaus noch echte, lebende Nazikreaturen hinter einer Ecke lauern. Doch der Reiz der Inseln bleib dadurch ungebrochen, auch wenn die „Betonbauten“ von damals unverwüstlich erscheinen.

Blick auf La Coupée auf der Kanalinsel Sark (c) Johannes Frost

Blick auf den „Einschnitt“ von Sark, La Coupée.

La Coupée, ein starker Einschnitt auf der Insel Sark, findet sich auf vielen Postkartenmotiven wieder. Die Brücke mussten die deutschen Kriegsgefangenen nach der Kapitulation bauen. Diese „deutsche“ Bauleistung ist auch heute noch gut erhalten. Während der Inselwanderung laden immer wieder nicht ungefährliche Abstiege zum Meer ein. Am Ende des Weges können in kleinen Pubs Bier, Tea, Biscuits und Cream verspeist werden. Seafood liefert das Meer in fangfrischer Qualität. Man taucht ein in dieses überzeugende englische Understatement, in die Zuvorkommenheit der Menschen, diese Achtung und Aufmerksamkeit britischen Ursprungs. Kein südländisches und oft aufdringliches Temperament verdirbt einem die Erholungstage.

Westküste von Herm mit Blick auf Guernesy (c) Johannes Frost

Westküste von Herm mit Blick auf Guernesy, St. Peter Port.

Herm, die Badeinsel

Herm ist eher die Badeinsel für die Ausflügler der größeren Inseln, doch es gibt auch auf Herm einige wenige Zimmer. Wenn die Sonne das klare Atlantikwasser in türkisenen Farben erstrahlen lässt, könnte man sich in der Südsee wähnen.
Mich zieht es weiter nach Jersey, der größten Insel in Fläche und Einwohnern. Die Steuerpolitik der Insel lockt weltweit Firmen an. Das Straßenbild ist ebenfalls englisch oder besser britisch geprägt. Straßennamen und Ortsnamen sind aber weiterhin französisch gehalten. Jersey bietet dem Reisenden vollendete Wandertouren über Klippen, Hügel oder an einsamen Stränden an. Der Blick auf das Meer bei unterschiedlichem Sonnenstand fördert Gedanken an eine baldige Wiederkehr.

Leuchtturm La Corbière auf der Kanalinsel Herm (c) Johannes Frost

Wanderung zum Leuchtturm La Corbière bei Ebbe, bei Flut stehen hier ca. 1-2 Meter Wasser.

Die Wanderung zum Leuchtturm La Corbière, der bei Flut abgeschnitten ist, (und somit auch mancher Wanderer, der dies vergaß) ist in der untergehenden Sonne im Westen nur eines der Jersey-Highlights. Der Durell Wildlife Park für vom Aussterben bedrohte Tiere zählt ebenfalls zu meinen Favoriten.

Kanalinseln Les Écréhous bei Ebbe (c) Johannes Frost

Die Inseln Les Écréhous bei Ebbe, die Flutkante liegt kurz unter den Häusern.

Doch die Kanalinseln bieten auch das Unbekannte. Unser Schiff erreicht die Les Écréhous, die kein Tourist besucht. Kleine Häuser auf wenigen Felsbrocken tauchen aus dem Nebel auf. Früher lebten hier Sammler und Verwerter der Meeresfrüchte, heute werden die kleinen Schmuckstücke behutsam in der Familie weitervererbt, eines der letzten Paradiese genau vor der Haustür, nur unerreichbar. Was für ein Leben, wenn zwischen den Nachbarn alle 12 Stunden das Meer tost. Ich mache Bekanntschaften mit Menschen, die abseits der Touristenpfade sich ganz der Schönheit und Abgeschiedenheit dieser Natur verschreiben. Ich gehöre plötzlich dazu und werde eingeweiht in nur mündlich übertragene geheime Orte. Es beruhigt, man findet doch noch vom Massentourismus verschonte Plätze.

Ankerbucht auf den Les Chausey Inseln (c) Johannes Frost

Ankerbucht auf den Les Chausey Inseln mit trockengefallenen Sportschiffen

Der Westwind schiebt weiter in Richtung St. Malo. 16 Seemeilen vor der Küste liegen die Inselchen Les Chausey. Ein Kanal führt durch ein unübersichtliches Geäst von Fjorden, Inseln, Buchten und Becken. Bei Ebbe ist kaum ein Hindurchkommen möglich, bei Flut lauern unter der Wasseroberfläche scharfe Felszacken. Der durchreisende Segler meidet solche Gewässer im Allgemeinen, folgerichtig sind wir hier wieder unter uns. Unser Katamaran fällt trocken und wir können trockenen Fußes den Meeresboden begehen. Ein Wechsel von Auf und Ab gemäß der Gezeiten stellt sich ein. Nachts hört es auf zu plätschern und zu schaukeln, die Magic Cloud steht auf dem Sand, dann hebt es uns wieder sachte an. Momente von unendlicher Glückseligkeit stellen sich ein. Wenn die Sonne im Westen versinkt, sich lautlos entfernt, wird etwas von der ungeheuren Kraft der Erddrehung spürbar. Nachts spannt sich der Sternenhimmel unserer Galaxie über mir. Im Sternschatten der umgebenden Felsen entwickelt sich der Eindruck eines durch das Universum rasenden Raumschiffes, unsere Erde. An vorderster Front steht man selbst. Mond- und wolkenlose Nächte, ohne jegliches Fremdlicht, sind das Eindrucksvollste, was uns die Natur bietet.

Sind wir trocken gefallen, so treffen sich die Crews der umliegenden Schiffe für einen Plausch. Es finden nur wenige in diese einmalige Landschaft. Entfernt sehen wir Schiffe ankern, zu denen keine fahrbaren Wasser zu führen scheinen. Dort verbringt eine Menschenseele ihren Urlaub bei Mutter Natur. Ich werde hineingezogen wie in einen mystischen Film, aber es ist alles so real, findet tatsächlich statt. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen zunehmend, ich werde Teil der Unterwasserwelt.

Vom Meer gezeichnete Tellerscherbe (c) Johannes Frost

Vom Meer gezeichnete Tellerscherbe

Ich berge Relikte, die mich an Nachrichten aus einem unbekannten Universum erinnern. Ich erklimme Felsen, die noch keiner vor mir erklommen hat. Das Meer gibt für 6 Stunden etwas von seinen Geheimnissen preis.

Ebbe auf den Kanalinseln Les Chausey (c) Johannes Frost

Ebbe auf den Les Chausey

Ich beginne, den bei Ebbe freigelegten Meeresboden zu erwandern. Ein Ort, der nur den Fischen oder Tauchern in atemfeindlicher Umgebung vergönnt ist. Ich entdecke Reste menschlicher Ingenieurskunst, im schweren Sturm versunken. Auf Guernsey gibt es ein Museum im Fort Grey über die Wracks an den Küsten der Kanalinseln. Selbst eine Bohrinsel scheiterte einst im Orkan daran, die Passage durch den Englischen Kanal zu meistern. Doch erstaunlich, alle Wracks wurden wieder geborgen, flott gemacht oder abgeschleppt, kein Wrack ziert die Küste. Ein segelndes Handelsschiff, mit dem Ziel gen Norden, sorgte nach Strandung durch seine Fässer voller Portwein und anderer Weine für wochenlange Heiterkeit. Von dieser Heiterkeit und Freundlichkeit leben die Kanalinseln heute noch. Sie sind ein seltener Juwel, werden jeden neuen Gast begeistern mit ihrer Mischung aus britischer Höflichkeit und französischer Lebensart und sind es wert, bereist zu werden.

Das Reisen mit einem Segelschiff führt zu den „landwärts“ gerichteten Perspektiven dieser Welt. Ein Blick auf unsere Zivilisation, ein Standpunktwechsel mit Rückzugsmöglichkeit bis hinter den Horizont.

Johannes Frost

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1 Kommentar

  1. Toll! Ich wünschte, ich wäre Seebär! Die Kanalinsel möchte ich unbedingt besuchen. Ich könnte ja mit ein, zwei, dreien anfangen : )