In hohen Bergen – drei Durchquerungen des peruanischen Nationalparks Huascarán

Simon Kuttruf bereist Südamerika. Und das etwas untypisch mit dem Fahrrad. Abseits der sonst befahrenen Routen, ist er so immer ganz nah dran an der einheimischen Kultur und Bevölkerung. In diesem Gastbeitrag stellt er uns seinen Weg durch den Huascarán Nationalpark in Peru vor. Mehr zum Projekt steht auf seinem Blog www.welterfahren.com.

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In hohen Bergen

Es war früher Morgen und eiskalt, als ich aus der einfachen Hütte am Pasto Ruri Basislager kroch, in der ich die Nacht mit meinem Schlafsack auf einer Matratze auf dem Fußboden festgestampfter Erde verbracht hatte. Ringsum blickte ich auf die weißen Gipfel der Cordillera Blanca, die mich am Vortag nach einem langen Aufstieg auf 4700m mit nachmittäglichem Hagelschauer würdig in ihrer Mitte empfangen hatten. Die grandiose Landschaft, durch die ich dabei radelte, hatte alle Mühen reichlich belohnt: das steppenartige Grasland, in dem ich gezeltet hatte, war rubinroten, eisenhaltigen Böden gewichen, die schließlich in groben Schotter übergingen.

Die nur im südamerikanischen Altiplano beheimateten Puya Raimondi säumten den Weg: bis zu 8m hohe Säulen, die aus einem Podest von Kakteenblättern emporwachsen. Sie werden 40 bis 100 Jahre alt und blühen nur einmal, drei Monate vor ihrem Vertrocknen, mit bis zu 8000 Blüten.

Vereinzelt duckten sich die kleinen schilfgedeckten Hütten scheuer Bergbewohner an die steilen Hänge; unter einfachsten Bedingungen leben diese von karger Viehwirtschaft und von dem geringen Einkommen, das sie aus dem Verkauf von Lunchpaketen an Straßenarbeiter erzielen.

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Behausung

Einer von ihnen hatte mich in seine zugige Behausung eingeladen, und gestärkt von einem gemeinsamen Frühstück – Pasta auf Holzfeuer – nahm ich die letzte Etappe in Angriff, das pendelnde Auf und Ab zum Pass Abra Huarapasca auf 4800m: Mont Blanc-Niveau mit endlosen Ausblicken und einsamen Hochebenen in zarten Brauntönen.

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Aufwärts!

Der Nationalpark Huascarán

Der Parque Huascarán umfasst auf 3400km2 fast die gesamte Cordillera Blanca, die mit 29 Bergen über 6000m als der höchste Gebirgszug der Welt außerhalb Asiens gilt. Dieses gewaltige Gebirge entstand in den letzten 40 Millionen Jahren, als sich die Nazca-Platte unter die Kontinentalplatte Südamerikas schob. Noch immer ist die Gegend seismologisch prekär: 1970 zerstörte ein Erdbeben der Stärke 7,9 die umliegenden Dörfer. Zusammen mit dem verursachten Erdrutsch gilt dieses Erdbeben als die größte Naturkatastrophe in der Geschichte Perus; die Lawine aus Erde und Eis, die auf die Kleinstadt Yungay niederging und 20.000 Todesopfer forderte, gilt als die tödlichste Lawine der Welt.

Der Park mit seinen 80 Gletschern und mehr als 120 türkisfarbenen Lagunen ist wegen seines Artenreichtums in Flora und Fauna seit 1985 Unesco-Weltkulturerbe (http://whc.unesco.org/en/list/333/). Zu den vorkommenden Tierarten gehören Puma, Tapir, Brillenbär, Jaguar und zahlreiche Vogelarten wie z.B. der Andenkondor. Die jährliche Gletscherschmelze ist von unschätzbarer Bedeutung für die Wasserversorgung der Region, aber auch für die Stromgewinnung, die in Peru zu 80% aus Wasserkraft stammt. In nur sechs Jahren, zwischen 1997 und 2003, hat sich allerdings die gesamte Gletscheroberfläche innerhalb des Parkgebiets um 30% reduziert.

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Die türkisfarbene Lagune Jatuncocha am Fuss des Cerro Santa Cruz

Ich habe diesen Park dreimal durchquert: zu Fuß auf dem bekannten Santa Cruz-Trek, mit dem Bus auf einem Schotterpfad, der sich tapfer und kurvenreich am höchsten Berg Perus, dem Huascarán (6768m) vorbeischlängelt, und mit dem Fahrrad von Cátac bis Huallanca.

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Der Pass Abra Huarapasca auf 4800m mit Blick auf die Cordillera Blanca

Der Santa-Cruz-Trek

Der St.Cruz-Trek ist eine viertägige Wanderung, die von Cashapampa durch das weite Tal des Río Huaripampa in zwei Tagen sanft ansteigt bis zum Punta Unión auf 4750m, von dem aus sich eine herrliche Sicht auf die Gebirgskette der Cordillera Blanca bietet.

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Auf dem Santa Cruz Trek

Ein lohnender Abstecher, den ich unternommen habe, ist der zweistündige Aufstieg zum Basislager auf der Südseite des Alpamayo, für viele „der schönste Berg der Welt“.

In gleichmäßigen Abständen von 8-12km befinden sich entlang des Weges ausgeschilderte Campingmöglichkeiten an Bachläufen, allerdings ohne sanitäre Einrichtungen. Wem der Rucksack mit Campingausrüstung, warmer Wäsche und Verpflegung für vier Tage zu schwer ist, der kann in den nahegelegenen Bergsteigerstädten Huaraz oder Caraz eine organisierte Tour buchen oder für umgerechnet 20€ pro Tag in Cashapampa oder Vaquería einen lokalen Führer mit Esel mieten. Die touristische Infrastruktur ist dank der monatlich etwa 2000 Besucher gut ausgebaut, und dementsprechend ist auch der Parkeintritt mit umgerechnet 18€ vergleichsweise teuer – Geld, das direkt für die Parkverwaltung bestimmt ist und der Erhaltung eines der schönsten Orte unseres Planeten dient.

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Lichtspiele

Ich erreichte, schwer atmend, schiebend und radelnd, die Passhöhe, als sich der Wolkenschleier hob und den Blick auf das sonnenbeschienene grüne Tal zu meinen Füssen freigab. Es war ein Moment reinen Glücks, das dankbare Gefühl, hier richtig, die unhintergehbare Gewissheit, ganz nah, ganz intensiv am Leben dran zu sein. In ihrer Farbigkeit, ihren Aussichten, ihrer Stimmung gehört diese Etappe zu den Höhepunkten meiner Fahrradreise, zu den unauslöschlichen Erinnerungen, die mich für immer begleiten werden.

Ich stieg auf mein Fahrrad und tauchte hinab in das Leben, das im Tal wirtschaftete, das dort litt und liebte, und das ich auf Zeit teilen würde, bis der Ruf der Freiheit, bis die Unrast des Reisenden mich wieder weitertreiben würde.

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Kurz vor dem Punta Unión

Der weltvermessen.de Faktor

Der Nationalpark Huascarán besitzt eine Fläche von 3400 km² und dort befindet sich mit 6768 m der höchste Berg Perus und vierthöchste Berg Südamerikas mit dem Namen Nevado Huascarán.

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1 Kommentar

  1. Sehr guter, informativer Artikel! Letztes Jahr war ich selbst auf Trekkingtour in der Cordillera Blanca und war sehr beeindruckt von der noch kaum vermarkteten, wilden Schönheit dieses Naturparks. Die steilen, geschotterten Anstiege auf 4500m mit einem beladenen Fahrrad zu bewältigen: chapeau! Vielleicht schließe ich mich mal einer deiner geführten Patagonien-Radreisen an!