„Ein bisschen Heimweh muss sein“ – KulturLife im Interview

Die nördlichste Jugendaustauschorganisation Deutschlands befindet sich in Schleswig-Holstein. Seit 1995 operiert KulturLife bereits aus Kiel. Mit der gemeinnützigen Gesellschaft fahren nicht nur Jugendliche in weltweit über 20 Staaten, auch alle anderen Altersklassen bis hin zu den Best Agers haben in verschiedenen Programmen bereits ihrem Fernweh nachgegeben. Im Interview mit der Programm-Managerin Vivian Hachmann richten wir den Fokus heute auf die Highschool-Programme von KulturLife.

Teilnehmer am Highschool-Programm von KulturLife in Chile

Teilnehmer am Highschool-Programm von KulturLife in Chile

Hallo Vivian, was macht die Kieler Förde? Weht ein frischer Wind in Kiel?

Aber hallo! Die sommerliche Ostseesonne ist nichts ohne eine frische Brise. Die weht hier auch regelmäßig durch unser Büro, denn wir sind ein junges, „frisches“ Team. 🙂

Du bist seit 2012 eine von insgesamt vier Ansprechpartnerinnen für den Highschool-Bereich. Beschreibe einmal kurz, für welche Programme du zuständig bist.

Programmbetreuerin Vivian Hachmann von KulturLife

Nur wer selber reist, kann andere beraten:
Vivian (auf Dienstreise) in Argentinien

Ich betreue bei uns die Schüler, die es nach Frankreich, Südafrika oder Lateinamerika verschlägt – eine sehr ungewöhnliche Mischung, die mich aber besonders reizt. Ich reise selbst sehr gerne und interessiere mich für die verschiedensten Kulturen, z.B. Südostasien.

Durch einige längere Frankreich-Aufenthalte habe ich zu diesem Land eine ganz besondere Verbindung. Somit bin ich quasi die „Exoten-Betreuerin“: für Schüler mit einer ebenso großen Vorliebe für die französische Kultur und solche, die es in exotische Gegenden verschlägt.

In welchen Ländern der Erde läuft das Highschool-Programm von KulturLife?

Derzeit bieten wir Langzeit-Schulaufenthalte in Kanada, den USA, Costa Rica, Argentinien, Irland, Schottland, England, Frankreich, Spanien, Südafrika, Neuseeland und Australien an. Jedoch überarbeiten wir unsere Programme regelmäßig, sodass auch neue Länder hinzukommen.

Schüleraustausch in den USA mit KulturLife

Schüleraustausch in den USA mit KulturLife

Warum sollten sich Jugendliche zu einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt entscheiden?

Das klassische Argument sind natürlich die Sprachkenntnisse. Sehr gut Englisch zu sprechen ist heutzutage fast schon selbstverständlich. In keiner Sprachschule kann man eine Sprache so gut lernen wie im Ausland, das gilt insbesondere auch für Spanisch und Französisch.

Für mich viel entscheidender ist aber auch: Man wächst enorm an einem Auslandsaufenthalt – man lernt, anders mit Problemen umzugehen und wird selbstständiger. Man beginnt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen, wird neugieriger und offener. Viele Jugendliche, die von ihrem Abenteuer Ausland zurückkehren, sind reifer und erwachsener. Und alle plagt sie fortan das Fernweh! 🙂

Wie lange vor Reiseantritt sollte man sich an euch wenden?

Ein solcher Langzeitaufenthalt erfordert einiges an Vorbereitung, daher empfehle ich, etwa ein Jahr vorher mit dem Sammeln von Informationen zu beginnen – welches Land, welche Organisation, was sagt die deutsche Schule dazu usw. Etwa 6-9 Monate vor Programmbeginn sollte man dann konkret werden, je nach Land und Programm.

Infoveranstaltung zum Schüleraustausch an der Heinrich-Hertz-Schule Hamburg

Infoveranstaltung zum Schüleraustausch an einer Hamburger Schule. Rechts steht Thilo, damals noch in Diensten von KulturLife

Wer kann und darf alles ins Ausland gehen? Gibt es Kriterien, die ihr aufstellt?

Uns ist es generell wichtig, dass ein potenzieller Gastschüler offen und neugierig ist und realistische Vorstellungen von einem solchen Aufenthalt hat. Es gibt aber auch Kriterien wie Schulnoten oder Sprachtests, die von unseren Partnern und Schulen im Ausland aufgestellt werden.

Welche Hilfestellungen bei der Vorbereitung gebt ihr? Gibt es spezielle Vorbereitungsseminare?

Wir unterstützen unsere Schüler bei der gesamten Vorbereitung, je nach Programm variiert diese etwas. Das Ausfüllen der Unterlagen, die Reiseplanung und der Erstkontakt zur Gastfamilie z.B. sind in fast jedem Programm dabei. Wo nötig, helfen wir bei der Visabeantragung.

Der entscheidende Part ist nachher tatsächlich unser eigenes KulturLife-Vorbereitungsseminar. Nach Ländern aufgeteilt gibt es 4-5 Seminare im Sommer und 2 im Winter. Bei diesen Seminaren geht es auch um länderspezifische Themen, vor allem aber um interkulturelles Training, Sensibilisierung und die Vorbereitung auf schwierige Situationen.

Die Seminare dauern 2 Tage und werden von uns Programmbetreuern selbst durchgeführt, mit Unterstützung von ehemaligen Teilnehmern, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten.

Schüleraustausch mit KulturLife

Über ein Dutzend Destinationen stehen in den Highschool-Programmen zur Auswahl

Du bist sowohl für Frankreich, Südafrika und dazu noch für Lateinamerika zuständig und kennst dich gut dort aus. Welcher Typ Jugendlicher ist denn wo am besten aufgehoben?

Wir denken, dass es für jeden Gastschüler das passende Land und Programm gibt. Lateinamerika zum Beispiel ist etwas für offene und selbständige Typen, die vielleicht noch nicht einmal Spanischkenntnisse haben, sondern einfach Lust auf „Raus“.

Die Frankreich-Programme sind erfahrungsgemäß anspruchsvoller, da die Unterschiede zu Deutschland ganz entgegen der Erwartungen doch groß sind. Man sollte tolerant und flexibel sein, denn das Leben in der Gastfamilie und der Schulunterricht sind eine große Umstellung.

In Südafrika, besonders in der Region Kapstadt, in der wir platzieren, leben sehr viele Familien mit multikulturellem Hintergrund und ganz unterschiedlicher Konstellationen. Es passt also gut, wenn der Gastschüler darauf Lust hat und neugierig ist. Er sollte außerdem sehr anpassungsfähig sein.

Um herauszufinden, welches Programm zu einem passt, sollte man am besten einfach einen Highschool-Betreuer seiner Wahl anrufen und um eine Beratung bitten.

 Wie sehen die Unterkünfte der Gastschüler aus?

In den meisten Programmen werden unsere Gastschüler bei ausgewählten Gastfamilien platziert. Diese können in einem Haus oder einer Wohnung leben, je nach Familiengröße und –konstellation. Manchmal genießen die Schüler den Luxus eines Einzelzimmers, in der Regel teilt man sich mit einem gleichgeschlechtlichen Gastgeschwisterkind ein Zimmer.

In jedem Fall entspricht die Umgebung dem durchschnittlichen Lebensstandard im Gastland und vor allem ist es sicher. In einigen Programmen leben die Schüler in Internaten. Diese sind etwas weniger luxuriös und auf das nötigste beschränkt.

In den Genuss kam ich in Frankreich auch einmal, aber: Mit Deko-Utensilien und ein bisschen Kreativität kann man es sich überall schön machen!

Durchlaufen die Gastfamilien eine bestimmte Prüfung?

Alle Gastfamilien durchlaufen einen Check bei unseren Kollegen vor Ort, dieser beinhaltet in jedem Fall einen Hausbesuch sowie ein Interview, wie es auch der Gastschüler hier in Deutschland mit uns führt. Es wird genau geprüft, ob die Unterkunft angemessen ist und ob der Schüler in der Familie sicher aufgehoben ist.

Jeder Schüler hat immer auch einen sogenannten „local rep(resentative)“, einen lokalen Betreuer. Die Kontaktdaten erhält der Schüler im Vorfeld und kann sich dann jederzeit an ihn wenden, wenn er Probleme hat oder Unterstützung braucht.

Gleichzeitig bleiben wir hier in Deutschland aber auch zuständig, das ist manchmal hilfreich, wenn man etwas lieber auf Deutsch mitteilen möchte.

Teilnehmerin von KulturLife

Ein Highschool-Aufenthalt bringt einem die Zeit seines Lebens!

Welche Tipps gebt ihr euren Schützlingen eigentlich gegen Heimweh?

Es klingt hart, aber: Möglichst wenig Kontakt nach Hause. Das hört sich erst einmal an, als würde es das Heimweh nur noch verschlimmern, und das ist zunächst möglicherweise auch so. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, geistigen Abstand zur Heimat zu bekommen. Erst dann kann man wirklich richtig in seiner „neuen Heimat“ ankommen und ist in der Lage, sich einzufinden.

Man geht raus und findet neue Freunde, lernt seine Gasteltern richtig kennen und schon ist die Sehnsucht nach dem Vertrauten in Deutschland gar nicht mehr so groß – man hat auch weniger Zeit, darüber nachzudenken. Angriff ist hier die beste Verteidigung! 🙂

Welche Aufenthaltsdauer empfiehlt KulturLife für die Highschool-Programme?

Wir bieten Gastaufenthalte mit und ohne Schulbesuch schon ab einer Dauer von 2 Wochen an, maximal möglich sind 11,5 Monate. Die richtige Dauer hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab, ich persönlich würde immer einen Jahresaufenthalt empfehlen.

Es dauert einfach seine Zeit, bis man richtig angekommen ist und wenn man dann nach wenigen Wochen schon wieder abreist, ist es doch sehr kurz. Ich selbst war ein halbes Jahr weg, im Nachhinein würde ich auf jeden Fall verlängern!

 Zum Schluss brauchen wir noch den sogenannten Weltvermessen.de-Faktor von euch! Nenne uns eine Maßzahl, die sinnbildlich für eure Organisation und das, was ihr macht.

10 – so viele Gründe gibt es, mit uns, KulturLife, sein Abenteuer Ausland zu planen! Und diese findet ihr hier: http://www.kultur-life.de/ueber-uns/

 Liebe Vivian, vielen Dank, dass du dir heute für uns Zeit genommen hast!

KulturLife Stempel © Thilo Götze

Wo KulturLife draufgestempelt ist, ist auch KulturLife drin!

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