Ein halbes Jahr in Tallinn

Estland ist mit ca. 1,3 Millionen Einwohnern das kleinste der baltischen Länder. Ca. ¼ der Bevölkerung sind ethnische Russen, die teilweise auch nicht der estnischen Sprache mächtig ist. Im Süden grenzt Estland an Lettland, im Osten an Russland und im Norden trennen ca. 80 km Ostsee Estland von der finnischen Küste.

Die Hauptstadt Tallinn (oder bis 1918 Reval) ist mit 400.000 Einwohnern die mit Abstand größte Stadt des Landes.

Tallinner Skyline (c) 2013 - www.weltvermessen.de

Tallinner Skyline


Da Tallinn und Estland für viele ein außergewöhnliches Reiseziel zu sein scheint, vor allem um dort gleich ein halbes Jahr zu verbringen, sei vielleicht zu Beginn kurz erwähnt weshalb ich mich für Estland als Destination für mein Auslandssemester entschieden habe.

Ich hatte bereits zuvor bei einem kürzeren Trip Bekanntschaft mit dem Baltikum gemacht und war dabei besonders von der Unberührtheit der Natur angetan. Ca. 40 % der Gesamtfläche des Landes sind von Wäldern bedeckt. In den ländlichen Gebieten findet man dann höchstens kleinere Städtchen, wie die Grenzstadt Valga, die rund 15.000 Einwohner zählt. Das Leben dort scheint eher schlicht, und durch die Plattenbauten am Stadtrand lässt sich auch noch eindeutig der ehemalige sowjetische Einfluss erkennen.

Mich reizte es also die Natur und eine Nation kennenzulernen, die sich seit der kurzen Zeit ihrer Unabhängigkeit nun im Umbruch befindet.

Eine Zeitreise ins Mittelalter

Als ich Ende August in Tallinn eintraf war ich zunächst beeindruckt vom mittelalterlichen Charme der Stadt. Die Altstadt wird vollständig von einer Stadtmauer umgeben, die entweder so erhalten geblieben ist, oder an einigen Stellen erneuert wurde. Auch zahlreiche Kirchen und andere Gebäude des Mittelalters haben die Jahrhunderte überdauert. Besonders herauszuheben ist hier das alte Rathaus, das zusammen mit dem dazugehörigen Platz wohl Hauptsehenswürdigkeit der Stadt ist. Hier haben sich in den angrenzenden Häusern heute Restaurants und Bars angesiedelt. Selbst im Ratskeller ist heute eine kleine Schenke, die sich vollkommen dem Thema Mittelalter verschrieben hat. In traditionellen Trachten wird hier bei Kerzenlicht Elchsuppe und Gewürzwein serviert.

Das alte Rathaus (c) 2013 - www.weltvermessen.de

Im Dezember findet auf dem Rathausplatz der Weihnachtsmarkt statt. In den Ständen vertreiben dort vor allem lokale Händler selbstgemachte Waren. Bei Schnee, der ab November garantiert ist, ist die Atmosphäre dort absolut traumhaft und weihnachtlich.

Eine weitere Sehenswürdigkeit im alten Stadtkern ist die Domkirche St. Marien. Im 13. Jahrhundert erbaut, diente sie damals vor allem dem deutschen Adel. Auch heute noch zieren deutsche Innenschriften, die Wappen der deutschen Ritter und deren Gräber das Innere der Kirche. Heute ist sie Bischofskirche der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Auch sonst spürt man heute aber noch den Einfluss den die deutschen Ritter in Estland hinterlassen haben. Es gibt sogar deutsche Gymnasien, in denen der gesamte Lehrstoff auf Deutsch vermittelt wird. Immer wieder bin ich auch auf der Straße von Esten angesprochen worden, die mir stolz ihre Deutschkenntnisse präsentiert haben.

Eine weitere absolut sehenswerte Kirche ist die Alexander-Newski-Kathedrale. Sie ist erst ca. 100 Jahre alt und steht auf dem Domberg. Dass sich die russisch-orthodoxe Kirche direkt gegenüber dem estnischen Parlamentsgebäude befindet,  ist vielen Esten ein Dorn im Auge. Die Kathedrale steht ihrer Meinung nach für die Unterdrückung ihres Landes durch Russland und trübt das Bild ihrer Unabhängigkeit, symbolisiert durch eben jenes Parlamentsgebäude. Neutral betrachtet ist die Alexander-Newski-Kathedrale aber einfach architektonisch anspruchsvoll und schön anzuschauen.

Alexander-Newski-Kathedrale - weltvermessen.de

Tallinn, Stadt der historischen Kontraste

Vor den Toren der Altstadt befindet sich ein weiterer russischer Prestigebau, der allerdings zu Sowjet-Zeiten entstanden ist. Das Viru-Hotel war ehemals das höchste Gebäude der Stadt und schon von der See aus gut zu erkennen. Es war das edelste Hotel der Stadt und so wurden dort z.B. die Staatsgäste untergebracht. Im Dach befindet sich heute das KGB-Museum und im Keller ein Einkaufszentrum. Der Rest des Komplexes wird auch heute noch als Hotel genutzt. Ansonsten bemüht sich Tallinn um einen westlicheren Anstrich. Nicht nur im Viru-Hotel, auch sonst findet man in der Stadt überall modernste Einkaufszentren, die vor allem hochwertige Marken vertreiben und übrigens auch sonntags normal geöffnet sind. Preislich ist Estland, zu meinem Überraschen, bereits voll in Mitteleuropa angekommen.

Darüber hinaus, befindet sich im Rotermann-Viertel, in direkter Nähe des Viru eine Spielwiese für Architekten. Dort reiht sich ein raffiniert entworfenes Gebäude an das nächste. Ebenfalls unfern des Zentrums, besitzt die Radisson-Hotel-Gruppe zwei Hochhäuser. Das Radisson Blu ist ein Neubau des 21. Jahrhunderts. Die Dachterasse des Hotels ist öffentlich zugänglich und beherbergt eine schicke Bar. Von dort sieht man auch das Radisson Blu Olümpia, ein sowjetischer Bau, der eigens für die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau angefertigt wurde, denn in Tallinn wurden damals die Segelwettbewerbe ausgetragen. Überall in der Stadt trifft man so auf Kontraste zwischen Moderne, Altertum und den Erbschaften Sowjet-Russlands.

Gebäude im Rotermann-Viertel - weltvermessen.de

Als Student im Baltikum

Meiner Meinung nach, ist Tallinn der Umschwung zur Moderne in der kurzen Zeit sehr gut gelungen. Das Leben in Tallinn genügt allen westlichen Ansprüchen an eine Großstadt-Metropole. Für den Rest des Landes gilt dies noch nicht uneingeschränkt. Immer wieder habe ich von Esten den Satz gehört „Tallinn ist nicht Estland“. Aber warum auch sollte Estland seinen ursprünglichen Charme aufgeben, den es durch seine charismatischen Bauerndörfer und die unberührte Natur erhält. Für mich war es interessant diese beiden Gesichter des Landes kennenzulernen und empfehle dies auch jedem Reisenden, der einmal das Baltikum besichtigen will.

Das Studium an der Estonian Business School (www.ebs.ee/en), meiner Gasthochschule für ein halbes Jahr, war sehr entspannt. Das Stundenpensum war zwar dasselbe, jedoch war der Lernanspruch viel geringer als an meiner Heimatuniversität. Das Wissen wurde zudem nicht in überfüllten Hörsälen sondern wie in der Schule mit Gruppen-und Hausarbeiten und Präsentationen der Studenten vermittelt. Die Unterrichtssprachen waren Estnisch, Russisch und Englisch. Neben den Erasmus-Studenten, haben vor allem die zahlreichen finnischen Studenten die englischsprachigen Kurse belegt.

Als Student werde ich zu guter Schluss noch auf das Nachtleben eingehen müssen. Obwohl Tallinn, für hiesige Verhältnisse keine besonders große Stadt ist, gibt es doch jeden Abend Veranstaltungen. Neben den vielen Pubs in der Altstadt, die vor allem im Sommer regen Anklang finden, gibt es auch einige Clubs und Diskotheken. Diese sind häufig sehr edel und scheinen vor allem die reiche Oberschicht der ansässigen Russen anzusprechen. So zum Beispiel der Club Privé (www.clubprive.ee), der mich durch die nette Location und gute Musik, trotz der Preise überzeugt hat.

Das Stadttor - weltvermessen.deTallinn ist meiner Meinung nach ein ideales Reiseziel für Kurzurlaube, lässt sich aufgrund seiner guten Lage und Anbindung zu den Städten Vilnius, Riga, Helsinki und St. Petersburg aber auch wunderbar in längere Städtetrips einbinden.

Der weltvermessen.de Faktor

Mein Faktor für Estland sind die Sonnenstunden. Während die Sonne im Sommer für nur wenige Stunden hinterm Horizont verschwindet, kann es im Winter recht trist werden. Nach nur 6 Stunden geht die Sonne dann um 15.30 Uhr nämlich bereits schon wieder unter. Ein Besuch bietet sich also eher in den Sommermonaten an.

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