Ein Tag am westlichen Zipfel Kretas

99 Heilige, Pancratium Maritinum und einer der schönsten Strände auf Kreta. Auf dieser Insel ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei; in dem neuesten und so charmanten Werbespot der Präfektur von Kreta  wird die Insel sehr treffend als ein Planet vorgestellt; tatsächlich, wenn man die sich in schnellem Rhythmus abwechselden Bilder und Szenerien betrachtet, bleibt man mit einem sehnsüchtigen Lächeln zurück.

Polirínia - www.weltvermessen.de

Es ist Samstag. Wochenende ! Der Herbst steht vor der Tür, hie und da schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, die Atmosphäre ist Dank des Meltémi Windes wunderbar klar. Die Kühltasche ist in 5 Minuten vorbereitet,  die Batterie der Kamera geladen, Badesachen, Sonnenhut und Turnschuhe eingepackt, schon unterwegs versorgen wir uns noch mit Wasser, eisgekühltem Kaffee Frappé und Sesamkringeln. Unsere Tour soll  nach Westen zur Kleinstadt Kíssamos gehen, von hier landeinwärts zu dem Dorf und der gleichnamigen antiken Stätte Polirínia, und zum Schluß werden wir uns wie immer um die Badebucht  von Falásarna streiten: gehen wir an den großen Strand ? Nein, doch nicht schon wieder, bei dem Wind gehen wir lieber an den Mittleren, der ist geschützter. Na gut, aber du gehst dann den Hügel hinauf um den Nachmittags-Kaffee zu besorgen ? Ok.

„Ancient Polyrinia 7 km“

Die ca. 40 km der Panorama-Nationalstraße von Chaniá  bis nach Kíssamos  verlaufen größtenteils der Küste entlang. Dort angekommen,  werweist noch vor der Stadtmitte ein Schild am linken Straßenrand nach Süden:  „Ancient Polyrinia 7 km“.  Eine recht schmale und teilweise von Zypressen eingesäumte Landstraße führt uns durch ein paar kleine Dörfer bis hin nach Polirína; unser Auto lassen wir in Gesellschaft von weiteren Fahrzeugen am Ortseingang stehen.

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An dieser Stelle einige erläuternde Worte über Polirínia. Hier erlebt man ein seltenes Wohnbeispiel; hellinistische Stadtmauerreste und römische Zisternen, antike Grabstätten und  zeitgenössische Häuser …  mindestens 4 Epochen leben im friedlichen Einklang miteinander;  als Baumaterialien für die „Kirche der 99 Heiligen“ sowohl auch für einige der Häuser dienten Bausteine, Marmor und Säulen aus antiken Zeiten. Polirínia, ca. 1100 v.Chr. erbaut, entwickelte sich zur zweitmächtigsten Stadt Westkretas (nach dem antiken Kydonia, heute Chaniá genannt) und verfügte sogar über eigene Münzen. Auch König Agamemnon soll hier der Göttin Dyktina Artemis nach seinem Feldzug in Troya ein Opfer dargebracht haben.

Das heutige Dorf zählt ca. 100 Seelen.  Auf unserem Weg zur Akropolis treffen wir im „Old Kafeníon“  auf Jane, eine Engländerin, die wie sie sagt seit 9 Jahren hier lebt, das Kafeníon betreibt, auch eine bisschen landwirtschaftet und sich über jeden Besuch freut. Noch weiter die Anhöhe hinauf hören wir plötzlich Männerstimmen und Musik, und schon sehen wir 2 gefüllte Schnapsgläser auf uns zukommen. Jorgos, der Olivenholz Schnitzer, lädt uns zum Verweilen ein, wir nehmen sein Angebot dankend an, Yámas (Prost), die Tsikoudiá läuft sanft den Hals hinunter, und die geschnittenen Tomaten aus seinem Garten schmecken prima.

Schnell fangen wir an unser Leben zu philosophieren, er sagt durch seine Tätigkeit mit dem Olivenholz hat er das Gefühl, er hinterläßt der Welt etwas Bleibendes. Ja das stimmt, und als wir schweren Herzens aufstehen, steckt er uns einen handgeschnitzten Salatlöffel in die Tasche. Efcharistoúme pára polí (vielen herzlichen Dank), bis zum nächsten Mal; und auf geht’s, dem antiken Fußpfad entlang zur Akropolis auf der Bergspitze über uns. Die erbarmungslose Mittagssonne (oder vielleicht auch der Schnaps ?) spielt uns einen Streich, an der „Kirche der 99 Heiligen“ angelangt genießen wir den herrlichen Ausblick und drehen wieder um … die Akropolis heben wir uns für den nächsten Besuch auf.

… und weiter gen Westen nach Falásarna

Am praktischsten wäre ja nun eine Abkürzung  durch die Berge bis zu den Sandstränden von Falásarna – mit die herrlichsten Strände auf Kreta – aber da für gewöhlich die Landstraßen nur für die Einheimischen gedacht und daher schlecht oder gar nicht beschildert sind, verzichten wir gerne auf dieses Abenteuer. Zurück geht es nach Kíssamos, und weiter gen Westen, vorbei am Fischerhafen mit seinen Fischtavernen, vorbei auch am Hafen für die Ausflugsboote zur Pirateninsel Gramvoússa und der paradiesischen Bucht von Bálos, durch den kleinen Ort Plátanos und rechts ab nach Falásarna. Hier war ich sicher schon unzählige Male, aber jedesmal wenn sich nach der Anhöhe das Tal weit unten vor mir ausbreitet, entspanne ich mich plötzlich, das Auto rollt fast alleine hinab, die Mäuseinsel  Pontikoníssi  liegt heute gestochen scharf vor uns, und sogar die Insel Antikýthira gen Peloponnes ist gut zu erkennen; ein seltener Anblick.

Falásarna - www.weltvermessen.de

Im Hafen der Nymphe Falasárni

Falásarna. Benannt nach der Nymphe Falasárni, war die Gegend natürlich in der Antike nicht für seine Strände berühmt, aber für seinen künstlichen Kanal, der den Schiffen einen sicheren Ankerplatz gewährte und die Stadt zur Seemacht werden ließ. Auch zahlreiche Piratenschiffe fanden hier ungestörten Zuschlupf; um letzteres  zu verhindern, zerstörten die Römer im Jahre 69 v.Chr. die Stadt, blockierten auch den Hafeneingang und besiegelten so deren Untergang.  Zudem kamen 365 n.Chr. die unter der Insel gelegenen tektonischen Platten in Bewegung und Kreta wurde durch ein schweres Erdbeben  erschüttert. Westkreta erhob sich bis zu 9m aus dem Meer, die Hafenanlage von Falásarna befand sich auf dem trockenen ….. die verbliebenen Einwohner der einstmal berühmten Hafenstadt verließen die Gegend.

Wir fahren an den Stränden vorbei und folgen der Staubstraße bis hin zu dem einem großen Thron ähnelnden Stein, dieser soll als Podium gedient haben, und halten nach weiteren 100 Metern am Haupteingang der archäologischen Stätte an. Seit 2 Jahren schreiten die Ausgrabungen in zügigen Schritten voran, und bei jedem Besuch gibt es hier etwas Neues zu bewundern. Und ist es nicht immer wieder ein Erlebnis, auf der selben Erde wie unsere Vorfahren aus antiken Zeiten zu wandeln ? Wir spazieren durch die trockenliegenden ehemaligen Hafenanlagen, liebevoll mit Steinen gerahmte Wege führen uns von einer Ausgrabung zur anderen. Eine Führung gibt es hier nicht, die Phantasie hat freien Lauf.

Badebucht von Falásarna - www.weltvermessen.de

Rosa gefärbter Sand und die Strandlilie Pancratium Maritinum

Leicht erschöpft schauen wir uns an, ein Kopfnicken reicht, und in 10 Minuten parken wir über der mittleren Badebucht  von Falásarna. Nicht zu unrecht wurden die hiesigen Strände schon mehrmals als die besten Griechenlands gewählt, auch der CNN hat sie 2013 unter den 100 schönsten Stränden der Welt gelistet.  Kristallklares türkisfarbenes Gewässer, immer kühl, feiner und teilweise mit Korallenstaub rosa gefärbter Sand, die mächtigen Berge an der Nordseite und zu guter Letzt ein oftmals berauschender Sonnenuntergang … ich denke mal das hört sich super an, oder ? Der Besucher kann unter 3 großen und mehreren kleineren Buchten auf ca. 3km verteilt seine Wahl treffen, fast überall gibt es eine Kantine für einen Imbiss, Sonnenschirme, Liegestühle, auch Wassersportmöglichkeiten, und das Wichtigste … aber dennoch genügend Platz um das eigene Badehandtuch weitab vom Trubel im Sand auszubreiten.

Pancratium Maritinum in Falásarna - www.weltvermessen.de

Ab Juli/ August trifft man überall in den zahlreichen Sanddünen auf zahlreiche Exemplare der geschützten weißen Strandlilie Pancratium Maritinum; an der letzten Bucht (Auto am Hotel Falasarna Beach parken und dem Fußweg hinab folgen) gibt es sogar auch einige Zedernbäume.

  • Dauer des beschriebenen Ausfluges von Chánia aus: gemütliche 6-7 Std. (Aufenthalt in Polirínia mit Wanderung zur Akropolis und mit Erfrischungspause 1,5 Std., antikes Falásarna 0,5 Std., Badeaufenthalt ca. 2 Std., plus Fahrzeit für insgesamt ca. 135 km)
  • Auch mit dem Linienbus von Chaniá oder Kíssamos aus ist ein Badeaufenthalt in Falásarna möglich.
  • Auch für den Winter ist dies ein schöner Ausflug, den Badeaufenthalt kann man durch einen herrlichen Spaziergang dem Strand entlang ersetzen, Muschelsammler kommen hierbei auf ihre Kosten.

weltvermessen.de bedankt sich bei Brigitte Kohlmann und Kostas Tsouvalas für diesen Gastartikel. Wenn ihr mehr über Brigitte und Kostas erfahren oder mehr von ihnen lesen möchtet, legen wir Euch ihren Blog „Reiseideen Kreta“ wärmstens ans Herz.

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