Felix von zerinnerung.de im Interview

Es ist 2016, liebe Leser, und was soll ich sagen: die Zeiten werden härter, egal, wo man sich befindet. In meinen Neujahrswünschen für euch befinden sich vor allem Gesundheit, Tapferkeit und Friede. Unserem heute geladenen Blogger Felix vom Reiseblog zerinnerung.de wünsche ich dies natürlich auch. Nur: in den Gegenden, in denen er sich im Zuge seiner Weltreise sehen lässt, bräuchte er häufiger im Jahr ein paar meiner Segnungen. Ob mein Eindruck trügt, wie und wo sich Felix so durchschlägt und was eigentlich Zerinnerung bedeutet – hier lest ihr es!

Felix in Thailand (c) zerinnerung.de

Felix in Thailand @work. Copyrights aller Bilder bei zerinnerung.de

Seit 2014 auf Weltreise als digitaler Nomade

Hallo Felix, danke, dass du ein bisschen Zeit abzwacken kannst. Wo beantwortest du gerade unsere Fragen, in einem Flugzeug über dem Chinesischen Meer, oder vielleicht doch hinter einer marokkanischen Düne, im Schutz vor dem Sandsturm?

Ich musste mich mit meinem Laptop regelrecht in der Düne eingraben. Unter Tonnen von Sand beantworte ich jetzt deine Fragen und warte, dass der Sandsturm endlich vorbei zieht. Nein, Spaß. 🙂 In Wirklichkeit sitze ich an diesem lauen Januarabend auf der Terasse meines Strandbungalows auf der thailändischen Insel Ko Phangan und schaue zu, wie die Sonne im Meer versinkt.

Du schreibst, du hast 2014 deine Wohnung gekündigt, alle Sachen verkauft und bist nun als Weltreisender unterwegs. Was hast du gearbeitet, und was waren die Beweggründe für diesen Entschluss?

Ich habe als selbstständiger Programmierer gearbeitet. 2014 habe ich dann alle laufenden Aufträge gecancelt und alles verkauft, um Open End auf Weltreise zu gehen. Seit meiner ersten längeren Reise, die mich 2008 ein halbes Jahr durch Südamerika führte, hatte ich den Traum, so etwas nochmal zu machen.

Inzwischen hatte ich genug Geld gespart, um mir um meinen Lebensunterhalt erst mal keine Gedanken machen zu müssen und so entschied ich mich, mir die maximal mögliche Freiheit zu gönnen, indem ich alles hinter mir ließ, was mich an einen festen Ort band.

Seit 2015 programmiere ich wieder für Kunden in Deutschland und lebe nun als das, was man etwas abgedroschen wohl „Digitaler Nomade“ nennt. Ich möchte einfach meine Reiselust und meinen Job so weit wie möglich unter einen Hut bringen.

Einfach mal was wagen!

Einfach mal was wagen!

Wem würdest du empfehlen, es genauso zu machen, und welchem Typ Mensch/Reisendem rätst du eher ab, von heute auf morgen alles umzuwerfen und in die Welt hinauszusegeln?

Ob so ein Leben das Richtige für einen ist, kann jeder nur für sich selbst entscheiden. Wenn man genau in sich hinein hört, spürt man doch ziemlich gut, welche Vorstellungen, Wünsche und Träume man so hat.

Ich finde es wichtig, seine Träume zu leben, so unterschiedlich diese bei jedem Menschen auch sein mögen. Wer von einem ortsungebundenen Leben träumt, hat heute mehr Freiheiten, dieses umzusetzen, als jemals zuvor. Ich denke, wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die es vielen Menschen ermöglichen wird, von jedem Ort der Welt aus zu arbeiten. Wir leben in einer aufregenden Zeit. 🙂

Was bedeutet „Zerinnerung“?

Dein Blog heißt „Zerinnerung“, ein Kunstwort. Zunächst glaubt man Destruktives dahinter zu erkennen, die Vorsilbe „zer-“ macht das positive Wort „Erinnerung“ wieder zunichte. Wie ist der Begriff zu deuten?

Erinnerungen zerrinnen und wir versuchen, dagegen anzukämpfen, indem wir über das Reisen bloggen, Fotos machen oder Geschichten erzählen. Dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich heute über das Wort „Zerinnerung“ nachdenke.

Aber ganz ehrlich ist mir der Begriff vor Jahren einfach mal durch den Kopf geschossen und ich habe mir daraufhin die Domain reserviert. Eine Zeitlang habe ich darunter ein Netlabel für DJ Sets betrieben, das dann aber in Mixotic umbenannt wurde. Als ich schließlich meinen Reiseblog gestartet habe, passte „Zerinnerung“ irgendwie ganz gut und ich habe die Domain dafür verwendet.

Screenshot zerinnerung.de

Screenshot von Felix‘ Seite zerinnerung.de

Du hast durch dein interaktives Menü (in der Desktop-Version) einen schönen und griffigen Überblick über alle Trips, die du bisher gemacht hast. In wie vielen Ländern warst du schon, und welches Ziel steht einmal am Ende?

Es müssten ungefähr 50 sein. Der Weg ist dabei eher das Ziel, ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann mal zu denken, alles gesehen zu haben und mit dem Reisen aufzuhören.

Abgesehen davon, dass die Welt viel zu groß ist, um sie in einem Menschenleben kennen zu lernen, ist eine Reise an einen Ort auch immer nur ein Eindruck im im Kontext der Zeit, zu der sie stattfindet. Zu einer anderen Zeit kann eine Reise zum gleichen Ort schon wieder etwas völlig neues sein.

„Nahe Grenzen, die man besser nicht überschreiten sollte“

Verbotener Berg bei Shiraz im Iran (c) zerinnerung.de

Verbotener Berg bei Shiraz im Iran

Wie eingangs erwähnt, wagst du dich auch in Länder, die nicht als Mainstream-Destinationen gelten. Man liest von Titeln wie „Schlimme Nachrichten aus der Ukraine“, „74 Peitschenhiebe im Iran“ oder auch „Geteiltes Land in Ramallah“. Bist du einfach ein unvoreingenommener Typ, der nichts auf Ängste gibt, oder bereitest du dich akribisch auf solche Reisen vor, um etwaige Risiken kleinzuhalten?

Ich halte nicht viel von akribischen Vorbereitungen, sondern lasse mich am liebsten einfach treiben. Am spannendsten finde ich die Momente, in denen ich spontan eine neue Route einschlage und selbst überrascht bin, auf einmal an diesem Ort zu sein.

Es ist aber zugegebenermaßen schon so, dass in mir so ein bestimmtes Kribbeln aufkommt, wenn ich in die Nähe von Grenzen komme, von denen man sagt, man sollte sie besser nicht überschreiten. Mich packt dann jedes Mal die Neugier und ich will sehen, was dahinter ist. Meistens stellt sich heraus, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht ist und die Menschen dort auch einfach in ihrer Art von Alltag leben.

Wann wurde es das letzte Mal so richtig brenzlig? Ich habe da so eine Story auf zerinnerung.de gefunden, die lange wohl nur mit Passwort lesbar war…

Du spielst auf die Sache im Iran an, das war in der Tat eine brenzlige Angelegenheit. Mein Freund Johannes und ich sind in der Nähe von Shiraz auf einen Berg geklettert, an dessen Fuß sich eine Militäranlage befand.

Als wir wieder herunter wollten, wurden wir von angeblichen Naturschützern abgefangen, die uns vorwarfen, illegal im Naturschutzgebiet unterwegs gewesen zu sein. Mir wurde jedoch ziemlich schnell klar, dass ihr eigentliches Problem war, dass wir von dort oben freien Blick auf die Militäranlage hatten. Die „Naturschützer“ fragten immer wieder nach, ob wir Fotos gemacht hätten. Wir wussten, dass illegale Fotos von Militäranlagen uns mit ziemlicher Sicherheit in den iranischen Knast befördert hätten, somit verneinten wir.

Dumm nur, dass in unseren Hosentaschen die Kameras steckten, auf denen diese Fotos drauf waren. Als wir der Polizei übergeben wurden und uns kurz darauf in einem kahlen Verhörraum wieder fanden, glaubte ich nicht mehr an ein Happy End. (Anm. d. Red.: Schaut in den weiterführenden Links, um die Geschichte zu lesen)

Weißt du, welcher Artikel deines Blogs der meistgelesene ist? Worauf gab/gibt es die meiste Response?

Einer der meistgelesenen Posts handelt von einem Restaurantbesuch in Peru und heißt „Frittiertes Meerschweinchen mit Kartoffeln“ (). Meerschweinchen kommt in Peru öfters auf den Teller und ich wollte wissen, wie das Tier schmeckt, wenn es frisch aus der Pfanne kommt. Das konnte allerdings nicht jeder Leser nachvollziehen, wie man an den Kommentaren darunter sehen kann.

Meerschweinchen essen in Peru (c) zerinnerung.de

Welches Tier war das hier wohl einmal?

Pixelletter und Dropscan als stille Helfer für digitale Nomaden

Wie häufig machst du noch in Deutschland Station? Irgendwann ist dein Reisepass ja voll und du musst einen neuen beantragen…

Im Moment bin ich öfter da, weil ich für Berliner Kunden programmiere und da etwas persönlichen Kontakt halten will. Um nicht versehentlich wieder sesshaft zu werden, habe ich mir aber keine Wohnung gemietet, sondern wohne, in ich in Berlin bin, in einer Abstellkammer im Treppenhaus eines Freundes. Die ist um die 8 Quadratmeter groß, das reicht für mich und meine paar Sachen. Vor allem aber bleibe ich so motiviert, in Bewegung zu bleiben und nicht zu viel Zeit in Berlin zu verbringen.

Welche Dinge gibt es, an die man unbedingt denken sollte, wenn man nur ein paar Tage im Jahr (oder gar nicht?) in Deutschland ist? Behördengänge, Versicherungen, etc. pp. ….

Wenn man es geschickt angeht, kann man heute so gut wie alles online erledigen. Wichtig ist, alle Dokumente oder Unterlagen, auf die man eventuell mal Zugriff braucht, vor der Reise zu scannen und mitzunehmen oder online abzulegen.

Zwei sehr nützliche Webseiten sind dropscan.de und pixelletter.de. Dropscan bietet einen Scanservice, der sämtliche Briefpost einscannt und als PDF schickt. Pixelletter geht den umgekehrten Weg, über diesen Service lassen sich digitale Dokumente als Briefpost verschicken. Mit einer eingescannten Unterschrift kann man so sogar Verträge abschließen.

Anderes Thema: Ein Gutteil deiner Reisezeit fand in Südamerika statt, du hast dort jedes Land besucht. Bei Google stehst du auch ziemlich gut mit Begriffen wie „Blog Südamerika“ da. Liegt es daran, dass du ziemlich viel dazu schreibst, oder arbeitest du auch an ein paar SEO-Skills auf zerinnerung.de?

Unter diesen Suchbegriffen war ich auch schon ganz gut gerankt, ohne irgendwas für SEO gemacht zu haben. Vor einiger Zeit habe ich aber das YOAST Plugin für WordPress entdeckt, das richtig konfiguriert ein super SEO-Tool ist.

Überall auf der Welt zu Hause, aber…

Mauer in Ramallah

Mauer in Ramallah

Letzte Frage: Schätzt du dich manchmal glücklich, überall auf der Welt zu Hause zu sein? Angesichts der vielen Menschen, die von Ihrem Zuhause fliehen müssen, aber auch betreffs der Probleme in den sich ändernden Gesellschaften, die die Fliehenden aufnehmen…?

Vor allem wird mir immer wieder klar, wie unglaublich dumm Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Überheblichkeit gegenüber anderen Kulturen doch sind. Die Ignoranz mancher Menschen, deren Horizont nicht über den nächsten Hügel hinaus reicht, erscheint mir um so absurder, je mehr ich von der Welt gesehen habe.

Die übergroße Mehrheit der Menschen, die ich getroffen habe, habe ich als hilfsbereit, liebenswert und gastfreundlich erlebt. Wir haben ein unglaubliches Glück in einem Teil der Welt geboren zu sein, in dem sich niemand Sorgen über Krieg, Hunger oder fehlende medizinische Versorgung machen muss. Ich denke, wir haben dadurch auch eine Verantwortung, Menschen in Not zu helfen und Zuflucht zu gewähren.

Wir sollten keine Angst vor den dadurch entstehenden Veränderungen haben, im Gegenteil: Wenn es keine Veränderungen gäbe, dann hieße das Stillstand und davor hätte ich am meisten Angst.

Lieber Felix, vielen Dank für deine Antworten!

Links von zerinnerung.de und worauf Felix außerdem Bezug nimmt

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