Glas, Theater und eine Dreiflüssestadt – entlang der Werra

Die Werra schlängelt sich von Fehrenbach in Thüringen bis nach Hannoversch Münden in Niedersachsen. Knapp 300 Kilometer legt sie auf ihrem Weg zurück und zeigt Reisenden, die ihrem Lauf folgen die Schönheiten Mitteldeutschlands. Nach unzähligen Flusswindungen vereinigt sie sich mit der Fulda zur Weser und strömt alsbald der Nordsee entgegen. Der Werra Radweg nimmt seinen Anfang in der Fehrenbacher Schweiz unweit des berühmten Rennsteigs.

Werra Radweg - weltvermessen.de (c) Velociped

Unterhalb des 841 Meter hohen Eselsberg beginnt der Strom als unscheinbares Rinnsal aus einer eingefassten Quelle zu plätschern. So dürfen Radler die Werra ab dem tatsächlichen Kilometer Null begleiten. Die kleine Gemeinde im Thüringer Schiefergebirge besitzt die älteste Glashütte der Bundesrepublik und wurde deshalb erstmals 1564 urkundlich erwähnt. Noch bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts stellte man in Fehrenbach kommerziell Glas her; dieser Tage wird die Handwerkskunst nur mehr den Besuchern vorgeführt. Durch dunkle Wälder und über sattgrüne Auen geht es dem Vorland des Thüringer Waldes entgegen. Musste sich die Werra eben noch durch schmale Täler zwängen, gewinnt sie nun an Gemächlichkeit. Weniger stürmisch, dafür umso wasserreicher strömt sie auf die Stadt Themar zu. Schmucke Fachwerkensembles, ein herrliches Rathaus samt Marktplatz und die romantischen Reste der Stadtbefestigung machen Themar zu einem unvermuteten Juwel entlang der Werra. Weiter durch das Henneberger Land entdeckt man da und dort noch Zeugnisse einer ganz eigenen Architektur. Das Henneberger Fachwerk zeichnet sich durch besonders reichhaltige Verzierungen aus. Die zumeist geschwungenen Fachwerkkreuze werden „Andreaskreuze“ genannt und sind beispielsweise auch in der Georgstraße von Meiningen zu bestaunen.

Sehenswürdigkeit entlang des Werra Radwegs

Als nächstgrößere Stadt entlang des malerischen Stroms bietet sie Reisenden auf dem Werra Radweg mannigfaltige Sehenswürdigkeiten. Meiningen liegt am Rande der Rhön in einem Dreiländereck zwischen Bayern, Hessen und Thüringen. Das Herz der idyllischen und doch so geschichtsträchtigen Ansiedelung bildet die Stadtkirche Unserer lieben Frauen. Die beiden schlanken Türme und das mächtige Kirchenschiff wurden von Kaiser Heinrich II. im Jahre 1003 in Auftrag gegeben. Schon aus der Ferne leuchtet das Satteldach des Gotteshauses mit seinen buntglasierten Ziegeln. Das rautenähnliche Muster reflektiert bei Sonnenuntergang die Lichtstrahlen derart stark, dass ungeübten Betrachtern suggeriert werden könnte, die Kirche stünde in Flammen. Die Stadt Meiningen ist jedoch nicht nur des herrlichen Gotteshauses wegen in ganz Deutschland berühmt. Es lohnt eine kleine Radfahrpause einzulegen und das populäre Theater der Stadt zu besuchen. Das renommierte Ensemble bietet Aufführungen in den Bereichen Oper, Operette, Schauspiel, Konzert und Puppentheater. Das Meininger Hoftheater war bereits im 19. Jahrhundert hocherfolgreich und unternahm eine viel beachtete Europatournee. Vormals galt Meiningen als Theaterhochburg des Deutschen Reiches und konnte durchaus mit den Häusern der großen Metropolen mithalten.

Natur- und Kulturimpressionen per Fahrrad

Hinter der Altstadt geht es über weitläufige Wiesen an vielen Burgen und Schlössern vorbei. Die Ufer der Werra zogen im Mittelalter den Adel an, da sie die Einnahme von Zöllen versprachen. So entstanden links und rechts des Flusstals mächtige Anlagen, aber auch winzige Herrschaftssitze. Gemächlich gleiten die Natur- und Kulturimpressionen an den Radreisenden vorbei, bevor jene in Bad Salzungen erneut eine Zwischenstation einlegen sollten. Mehrere Solequellen haben das Kurbad zu einem beliebten Erholungsort gemacht. Kurz bevor der Werra Radweg in die Kurstadt einbiegt, weist ein Schild auf den sogenannten Erlensee hin. Die Senke ist über und über mit hohem Gras bewachsen, so dass die Wasseroberfläche nur selten aufblitzt. Das Gewässer besitzt einen extrem hohen Salzgehalt und hat deshalb eine beinahe endemische Flora und Fauna hervorgebracht. Der Erlensee gilt seit über 70 Jahren als Naturdenkmal. In Bad Salzungen selbst lustwandelt man durch ein riesiges Gradierwerk, bestaunt die Burg Frankenstein und lässt die Füße in den phosphathaltigen Burgsee baumeln. Um sich ein wenig von den Anstrengungen der Radtour zu erholen, verlocken die Kurbecken zu einem wohltuenden und wärmenden Bad. Tauchen einige Kilometer flussabwärts die Leuchtberge am Horizont auf, hat der Radweg das Bundesland Hessen erreicht. Auf dem 318 Meter hohen Großen Leuchtberg steht der Eschweger Bismarckturm. Der Umweg auf den Berggipfel lohnt sich, denn von hier oben genießt man einen phantastischen Rundblick auf die hessischen Wälder und Flusstäler. Die Leuchtberge sind hauptsächlich von Laubbäumen bewachsen. Folgt man im Spätsommer der Werra, erschließt sich dem Reisenden, woher sich der Name der Berge ableitet. Die bunten Hügel erstrahlen weit über das Flusstal hinaus.

 Zu Gast in Hannoversch Münden

Alexander von Humboldt soll Hannoversch Münden dereinst als „eine der sieben schönstgelegenen Städte der Welt“ bezeichnet haben. Belege für dieses Zitat gibt es zwar nicht, doch begeistert das Weserdurchbruchstal auch die Reisenden des Flussradwanderweges. Vereinen sich die Fulda und die Werra unweit der Innenstadt, wird damit die Weser geboren. Das Zusammenströmen der drei Flüsse macht die Region zu einer von Wasser und Senken dominierten Landschaft. Von der Tillyschanze aus kann man sich einen Überblick über den historischen Altstadtkern verschaffen und am Kirchplatz radelt man an einem Fachwerkensemble von seltener Schönheit entlang. Den Schlusspunkt des Radwegs und den Übergang der Werra in die Weser markiert der Alte Weserstein. Dort „Wo Werra und Fulda sich küssen“ darf man auf einer Parkbank Platz nehmen und den drei Strömen bei ihrer Verschmelzung zusehen. Dass die Wässer nicht immer nur ein romantisches und freundliches Antlitz besitzen, beweisen die Hochwasserstandtafeln am Rathaus. Seit 1342 wurden alle Pegel sorgfältig dokumentiert und untermauern die Zwiespältigkeit Mündens. Soviel Beschaulichkeit die Ströme der Stadt bescheren, so viele Naturkatastrophen haben sie derselben schon eingebracht.

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