Auf ein Fahrbier mit Holger – ÖPNV in USA

Heute wollen wir euch ein extrem uniques Projekt eines Kollegen vorstellen, der in den USA lebt und dort über den Nahverkehr großer Städte bloggt. Über den Zugverkehr in den USA hört man ja nicht allzu viel, und deswegen wollten wir es einmal genau wissen. Nehmt euch ein Weg-, Sitz- oder auch ein Fahrbier und lest mehr im Interview mit Holger Lersch, Blogger des Monats August!

Screenshot von fahrbier.de

Screenshot von fahrbier.de

Was ist eigentlich das Fahrbier?

Hallo Holger, how do you do! 🙂 Die Begrüßung in New York sollte man ja so kurz wie möglich halten, aber wir hoffen, du machst für uns eine Ausnahme. Wo befindest du dich zur Zeit, und was machst du aktuell?

Good, how are you? Ich bin per Arbeitsvisum seit Ende 2010 für 6 Jahre hier an der Ostküste. Mein Büro ist in New York im Finanzbezirk (Financial District) und die Firma, in der ich arbeite, handelt mit Finanzinformationen. Ich selber mache was mit Computern. Ich hab meine Familie natürlich auch dabei.

Da wir noch nie mitten in einer Stadt gewohnt haben und wir unseren Platz in der und um die Wohnung brauchen, hat man in NYC da nicht viele Optionen. Um bezahlbaren Wohnraum zu finden kommt man hier nicht ums Pendeln herum. So verbringe ich mindestens 3h pro Tag in Öffentlichen Verkehrsmitteln und fahre eben hin und her.

Ein paar von uns kannten deinen Blog vom Namen her, doch dahinter geschaut hatten wir erst vor einiger Zeit. Woher rührt der Name für deine Seite fahrbier.de?

Der Begriff Fahrbier hat sich in meinem Leben Anfang der Zweitausender festgesetzt – ich hab damals in der Freizeit mit 4-5 anderen Jungs musiziert – und die Wege zum und vom Gig wurden damals nicht selten mit einem Bier angereichert. Irgendwann hab ich dann – weil noch frei – die Domain gebucht aber eigentlich nix weiter damit gemacht.

Später dann, als ich 2007 mit dem Pendel-Blog und dem Bahnpendeln (wieder)angefangen habe, habe ich den Namen dann einfach dafür verwendet. Passte irgendwie, da ich schon das eine odere andere Mal den Feierabend im Zug mit einem kühlen Bier in der Hand eingeleitet habe. Dem Fahrbier.

Seit 2010 für 6 Jahre in New York

Lebst du dauerhaft in den Staaten? Wenn ja, warum bist du einst übergesiedelt, und wann?

Wie eingangs kurz erwähnt: Ich habe ein Visum, das mir erlaubt, 6 Jahre hier zu bleiben. Der Konzern, der die Firma aus Deutschland aufgekauft hat, hat hier an der Ostküste seinen Sitz und ich hatte die Gelegenheit, rüberzugehen. Im Dezember 2010 bin ich hier angekommen. Terminal 7, JFK.

Ob ich über 2016 hinaus hier bleibe, ist noch nicht klar. Aber ganz ehrlich, New York City ist schon sehr anstrengend und für meinen Geschmack viel zu groß. Einfach viel zu viele Menschen. So richtig geil finde ich die Stadt nicht – aber hier in USA gibt‘s ja zum Glück noch mehr.

Wie würdest du mit eigenen Worten umschreiben, was die Hauptthemen deines Blogs sind? Wie bist du darauf gekommen, darüber zu schreiben?

Holger Lersch von fahrbier.de

Holger

Nunja, ich wollte zum einen „auch einen Blog haben“ und habe mich da seinerzeit ein Stück weit vom Web-2.0 Hype mitreißen lassen. Ich hab lange überlegt, was ich denn bloggen kann, bevor ich 2007 mit dem Bahnpendeln begonnen habe, was mich dann schließlich dazu gebracht hat, diesen Themenbereich auszuwählen.

Ich berichte über meinen Weg zur Arbeit. Spaeter wurde das noch geringfügig erweitert mit allem, was irgendwie auf Schienen fährt und wo ich mal mindestens auf zwei Meter ran war. Also ich muss dabei gewesen sein. Handyfoto, kleiner Kommentar und gut. Ich bin kein großer Schreiber und auch kein großer Fotograf. Ich dokumentiere in erster Linie für mich und freue mich, wenn der eine oder andere hier im Blog mitliest.

In den Köpfen vieler Deutscher, und eventuell auch anderer, besteht ein Bild von Amerika, wo die meisten Leute jede noch so kleine Strecke mit einer großen Benzinschleuder zurücklegen. Inwiefern kannst du zustimmen oder auch widersprechen?

Stimmt und stimmt nicht. Für dieses extrem dicht besiedelte Ballungsgebiet um New York City kann man sagen, dass viele Menschen die Öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Auf Manhattan fahren zwar auch viele Autos rum, aber man braucht das eigentlich nicht. Zum einen ist das Parken hier unheimlich teuer und man kommt auch nicht wirklich zügig vorwärts. Die Subway ist in Sachen Fortbewegung in der City unschlagbar.

Das sieht aber draußen, wo ich wohne schon etwas anders aus. Es gibt zwar ein verhältnismäßig gutes Landbusnetz, aber die Leute wollen hier schon nicht mehr auf ihre Benzinschleuder verzichten und der Stereotyp des autofahrenden Amis trifft sehr häufig zu.

Schließlich gibt es hier natürlich auch Gegenden, in denen es gar keinen Öffentlichen Verkehr gibt. Da muss man dann eben selber fahren.

Pendeln in New York mit Bus, MetroNorth und Subway

Du hast viele Projekte auf deinem Blog laufen, kürzlich hast du ein „Pendel-Experiment“ abgeschlossen. Worum ging es da?

Projekte klingt so „groß“ 🙂 nunja, es gibt den einen Running-Gag mit der Bushaltestellen(un)romantik (#busharo auf Twitter), wo ich morgens auf den Bus wartend ein Foto aus möglichst immer der gleichen Perspektive mache.

Das kürzlich beendete Pendel-Experiment war mehr aus persönlicher Neugier entstanden – ich hatte mir keine Monatskarte für Juli bestellt, da ich 2 Wochen Urlaub hatte. In den letzten Jahren habe ich in ähnlichen Situationen 2 Wochenkarten verfahren, aber dieses Mal hat der Spieltrieb mich gepackt und ich wollte mit möglichst geringen Kosten die 2 Wochen Pendeln rumkriegen. Ich habe also mehrere Varianten der Kombinationen von Bus, MetroNorth und Subway ausprobiert und schließlich verfeinert. Das hat einen Haufen Geld gespart, aber auf der anderen Seite viel Zeit gekostet. Aber gut, wenn man so schnell in der Stadt wäre und nur einen Bruchteil zahlt, würde es ja jeder machen – nicht?

Bekommst du Zuschriften deiner Leser, worüber sie gerne einmal etwas erfahren würden, was du dann versuchst herauszufinden? Auch von z.B. New Yorkern selbst?

Nein, da gibts kaum Zuschriften. Alle Jubeljahre mal ein Kommentar. New Yorker selbst verirren sich eher nicht zu mir – die Haussprache ist ja nach wie vor Deutsch.

Was ist, von den Reaktionen oder auch den Leserzahlen her, dein beliebtester Artikel? Was interessiert deine Leser am meisten?

Die meisten Leute klicken auf den Artikel zum „Walkway over the Hudson“ – eine alte Eisenbahnbrücke, die zu einem Fußweg umgewidmet wurde.

Viele Blogger kümmern sich ja einen Gutteil der Zeit um Suchmaschinenoptimierung, Follower-Fangen und technische Tricks. Spielt das bei dir auch eine Rolle, oder bist du da eher renegat?

Das ist mir ehrlich gesagt egal. Ich versuche ein wenig drauf zu achten, aber ich stecke da keine extra Zeit rein.

Die Weltvermessen-Artikel, in denen Züge eine Hauptrolle haben, wie zum Beispiel der Zug nach Minsk oder die Draisine Fürstenberg, spielen in Europa. Bereist du auch andere Länder mit dem Fokus, etwas über den ÖPNV oder den Zugverkehr zu erfahren?

Ja, ich reise. Aber nicht des ÖPNV wegen. Wenn ich unterwegs etwas sehe, das ich interessant finde, dann mach ich eine handvoll Fotos, recherchiere ein wenig auf Wikipedia und schreibe vielleicht auch einen kurzen Artikel für den/das Blog darüber. Aber das ist’s dann auch schon.

Zu guter Letzt würden wir gerne noch wissen – was ist dein Weltvermessen-Faktor? Dies ist eine Zahl, die eng mit deinem Tun und Treiben in Verbindung steht. 

Vielleicht 10. Zehn für die Anzahl der verschiedenen Länder, in denen ich schon einmal mit dem Zug gefahren bin. (Mal kurz nachdenken… Deutschland, Spanien, China, USA, Niederlande, Belgien, Frankreich, UK, Schweiz, Österreich – da gibt’s noch viel zu tun, wie ich gerade feststelle). 🙂

Lieber Holger, wir danken dir für deine Zeit und wünschen allseits gute Fahrt in New York und anderswo. Auf dass es stets ein Fahrbier gibt für lange Strecken!

Danke gerne, und Prost!

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