Judith und Mareike von „Berlin ick liebe dir“ im Interview

In der Reihe unserer Interviews mit Bundesländer-Bloggern reisen wir heute in die Hauptstadt. Solltet ihr zufällig schon mal „Berlin Blog“ gegoogelt haben, habt ihr die Seite, um die es heute geht, vielleicht sogar schon einmal gesehen: unter den interessanten Reiseblogs der Welt haben wir uns heute berlin-ick-liebe-dir.de mit Judith und Mareike als Interviewpartnerin(nen) herausgesucht. Aktuelle Facts zur Hauptstadt, ihrer Gastronomie-Szene sowie ihren einzigartigen Bewohnern.

Judith und Mareike von berlin-ick-liebe-dir.de

Judith und Mareike von berlin-ick-liebe-dir.de

Die Macherinnen hinter Berlin ILD im Gespräch

Hallo Judith, hallo Mareike. In welchem Berliner Bezirk treffen wir euch gerade an, und wobei „stören“ euch die Weltvermessenden gerade?

Mareike: Gerade bin ich bei mir im Bezirk, sprich Prenzlauer Berg – ihr erwischt mich beim Latte Macchiato trinken in einem Café 😉 Nein, Scherz, so klischeebehaftet lebt es sich hier dann doch nicht. Ich sitze vor meinem Mac zu Hause, ganz unspannend.

Judith: Ich sitze gerade in Friedrichshain in meiner Wohnung und bin natürlich am arbeiten 😉

Seid ihr waschechte Hauptstädterinnen? Fahrt ihr mit der BVG? Wo seid ihr geboren, und woran würde ich bemerken, dass ich Urberlinerinnen vor mir stehen habe? 

Mareike: Ich komme aus Brandenburg, also direkt aus der Stadt, man könnte mich also höchstens dem erweiterten Speckgürtel Berlins zuordnen. Ich hab aber auch kein Problem damit, „Zugezogene“ zu sein.

BVG fahre ich nur in Ausnahmefällen, da ich fast schon eine Aversion gegen die oft so miesepetrigen Gesichter in den Öffis habe. Mein Fahrrad und ich sind Engvertraute und wir verbringen die Zeit so lange miteinander bis sich Gletscher-ähnliche Verhältnisse auf den Straßen breit machen.

Echte Berliner lassen sich wohl dadurch ausmachen, dass sie die Vorzüge ihrer Stadt gar nicht so zu schätzen wissen oder so feiern, wie die Wahlberliner. Sie sind grundsätzlich recht unaufgeregt, egal ob George Clooney oder die MTV Music Awards hier statt finden. Es ist halt normal. Natürlich ist die Berliner Schnauze auch ein recht typisches Erkennungsmerkmal.. hart, aber herzlich und meist ziemlich direkt.

Judith: Nein, du hast leider keine Urberlinerin vor dir stehen, ich komme aus Paderborn und lebe seit 2004 in Berlin und da ich passionierte Radfahrerin bin, fahre ich auch nur selten mit der BVG.

Berlin mit dem Rad entdecken

Berlin mit dem Rad entdecken. Copyright: berlin-ick-liebe-dir.de

Seit wann führt ihr euren Blog schon, und wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Gastro Schrägstrich Cityblog zu betreiben?

Eigentlich wollten wir einer Erinnerung an unsere Berlin-Erlebnisse haben. Unsere Vorstellung war es mit 90 Jahren und grauen Haaren in einem Schaukelstuhl zu sitzen und uns gemeinsam die Stories vorzulesen. Recht fix kam dann der Gedanke, dass wir die Texte auch so schreiben können, dass sie für jedermann interessant sind. So kamen wir auch auf die Idee mit der Bewertung bei den Gastro-Locations.

Ein Empfehlungsblog – nicht nur für Hipster

Ihr schreibt auf berlin-ick-liebe-dir, dass eure Stadt so viel bietet, dass niemand je alles davon erfahren könnte. Eine sehr schöne, und zugleich sehr lebensnahe Beschreibung. Welche Schwerpunkte hat euer Blog, und für welchen Typus Leser erstellt ihr eure Beiträge?

Tatsächlich haben wir keinen Typus – wir wollen nicht nur die Hipster bedienen und uns auf den latest Shit konzentrieren, sondern so breit wie möglich aufgestellt sein. Am Ende ist es auch ein Spiegel unserer Interessen. Neues ist toll, aber das alte traditionelle hat definitiv auch seinen Charme. Setzt euch mal in eine alte Berliner Eckkneipe – Knaller!

Im CFL Canteen in Berlin

Kürzlich im CFL Canteen in Berlin: Pulled Chicken. Copyright: berlin-ick-liebe-dir.de

Ihr bewertet Restaurants und ähnliche Lokalitäten in den Kategorien Essen, Atmosphäre und Preis/Leistung. Mit welchen Habituden kann man euch ganz besonders zufriedenstellen, und was war bisher das schlimmste No-Go in der Gastronomie-Szene, das ihr mitbekommen habt?

Ein absolutes No-Go ist definitiv schlechter Service. Wenn ich mich als Gast geehrt fühlen muss, in einer bestimmten Location Geld zu lassen, finde ich das äußerst schwierig. Ich will das Gefühl haben (und das sollte mir jeder Gastro-Betreiber eigentlich auch geben können), dass man sich über meinen Besuch freut. Es gibt zig Tausend Locations und ich entscheide mich für seins. Entsprechend ist das auch das, was mich, neben tollem Essen, schon mal ziemlich happy machen kann.

Kündigt ihr euch vorher an in einer Bar/einem Restaurant? Und falls nicht, wann erfolgt das Debriefing der Beschäftigten?

Wenn wir nicht direkt angefragt werden, ob wir ein Restaurant testen wollen, erscheinen wir Undercover. Man erkennt uns höchstens daran, dass wir unser Essen nicht mit dem Handy, sondern mit einer etwas größeren Kamera fotografieren 😉 Das Ergebnis unseres Besuch können die Leute/ Betreiber dann im Artikel lesen, wir stimmen uns da nicht mit den Restaurants ab.

Und wenn wir eingeladen werden, nehmen wir übrigens niemals Geld dafür, damit wir authentisch schreiben können. Würden wir ein Honorar nehmen, wären wir immer Gefangene und würden uns drei Mal überlegen, ob wir die viel zu salzige Suppe erwähnen.

Wie oft widmet ihr euch den Tipps eurer Community auf Facebook oder Twitter, doch mal diesen oder jenen Geheimtipp auszuprobieren?

Eigentlich würden wir das gerne häufiger machen, denn auch wir können Augen und Ohren nicht überall haben. Nur zeitlich ist das nicht immer so einfach. Nach Möglichkeit nehmen wir vor allem Tipps aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis auf.

Kehrt ihr manchmal auch ein zweites Mal zurück an einen Ort, der zunächst in Ungnade fiel, aber ein Lokalinhaber zum Beispiel plötzlich Besserung gelobt und zur Korrektur des ersten Besuchs einlädt?

Hatten wir so noch nicht. Wir verstehen uns selbst als Empfehlungsblog. Wenn wir etwas richtig scheiße fanden, schreiben wir erst gar nicht darüber 😉

Wie hat sich Berlin verändert?

Nicht nur durch die Wanderschaft durch die Berliner Gastronomie, sondern auch durch den Besuch zahlreicher Events reist ihr kreuz und quer durch die Millionenstadt. Wie haben sich Bezirke, die ihr gut kennt, in den letzten 5 Jahren verändert?

Mareike: Ich bin primär im östlichen Teil der Stadt und in Mitte unterwegs. Man sagt ja oft, Berlin wäre das New York der 80iger, mittlerweile vielleicht eher der 90iger. Alles abgefuckte, was Berlin so ausmacht, wird saniert und modernisiert. Clubs und Bars werden wegen Anwohnerklagen oder Bezirksämtern geschlossen, der Hashtag #Clubsterben gehört zu Berlin wie der Fernsehturm. Berlin verliert da an einer Ecke Charme, dass es lernen muss an anderer Stelle wieder aufzubauen.

Aber es gibt auch viel Positives, so entwickelte sich Berlin zum absoluten kulinarischen Hot Spot in Deutschland. Bestes Beispiel sind die Street Food Märkte, deren Hype sich erst in diesem Jahr Deutschlandweit ausgebreitet hat und in Berlin schon eigentlich keinem mehr vom Hocker reißt 😉

Screenshot von Berlin ILD

Screenshot von Berlin ILD

Ihr nehmt an der Aktion #bloggerfuerfluechtlinge teil. Nehmt in der Multi-Kulti-Stadt Berlin der Zustrom so vieler Menschen einer anderen Kultur überhaupt wahr? Und darüber hinaus, was bedeutet diese gesellschaftliche Entwicklung vielleicht auch für eure Arbeit als Dokumentierende?

Wenn ich bewusst darüber nachdenke, nehme ich die vielen Nationalitäten wahr, aber das ist super selten. Wenn ich Leute aus anderen Kulturen sehe, sehe ich einen Menschen wie mich selbst, daher tritt der Multi-Kulti-Faktor Berlins im Alltagsleben eher in den Hintergrund. Ich denke, am stärksten, zumindest in meinem Dunstkreis, wird der Multi-Kulti-Faktor Berlins in der Gastro-Szene deutlich. Ohne zu verreisen, kann man so authentisches Essen aus vielerlei Ländern probieren, das wäre ohne all diese Leute nicht möglich.

Die Teilnahme an der Aktion #bloggerfuerfluechtlinge ist übrigens ein Herzensprojekt gewesen. Wenn wir mit unserem Blog die Möglichkeit haben, Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, ergreifen wir die Chance dazu.

3 Tipps von Berlin ILD, als Zugezogene Anschluss zu finden

Street Food in Berlin

Street Food Festival in Berlin. Copyright: berlin-ick-liebe-dir.de

Berlin ist viel, sein einzelner Bewohner jedoch manchmal nur „wenig“: was ratet ihr Neu-Berlinern jeglicher Herkunft oder Nationalität zu Beginn in dieser Metropole an, um Anschluss zu finden? Wie haben es die Neuzugezogenen unter euren heutigen Freunden geschafft, nicht vom Großstadtsog verschluckt zu werden?

Zunächst ist Berlin gar nicht so groß, wie es Außenstehende immer denken. Jeder Stadtteil ist für sich wie eine kleine Stadt, man findet dort alles, was man so braucht und muss ihn nicht zwingend verlassen. Daher hält man sich oft dort auf, wo man wohnt, plus die angrenzenden Bezirke.

  1. Daher Tipp Nr.1: Suche dir deinen Stadtteil bewusst aus, denn da wirst du viel Zeit verbringen.
  2. Tipp: Gerade für Neuberliner ist es sicher von Vorteil, sich eine WG zu suchen, aber keine Zweck-WG, sondern eine „richtige“. Das ist nicht nur in Berlin so, sondern recht allgemeingültig. Man hat sofort Anschluss und kommt leichter in Kontakt mit anderen Leuten. Ohne dem, kann man sich selbst in einer Millionstadt wie Berlin schnell einsam fühlen.
  3. Tipp: Gerade die Berliner Nächte verschlucken einen und spucken dich dann gekonnt an einer Straßenecke am helllichten Tage wieder aus – man kann ohne Probleme an jedem Tag der Woche bis zum Morgengrauen unterwegs sein. Je nach dem, wie anfällig man dafür ist, sei euch gesagt, gerade weil ihr jeden Tag die Möglichkeit dazu habt, müsst ihr die Anfangszeit in Berlin nicht wie Zombies durchleben. Berlin ist bei Tag nämlich auch ganz hübsch.

Ich gebe euch beiden einen Eimer voller Geld, 5000 Dollar in Scheinen, über deren Verwendung ihr vollkommen freie Hand habt, es aber zeitnah ausgeben müsst. Was passiert wohl damit? J

Mareike: Oui – ich bin Meister im Geld ausgeben, die Scheinchen würden bei mir auf jeden Fall keine lange Überlebenszeit haben. Und es gäbe da einiges… ich hätte zum Beispiel so gerne eine Leica Kamera, aber dafür würde das Geld wohl fast nicht ausreichen 😉

Wir waren vor kurzem in New York und eigentlich möchte ich da so schnell wie möglich noch mal hin – aber auch andere Großstädte wie Tokio, Moskau oder Länder wie Vietnam, Taiwan, & Co. stehen ganz oben auf der Liste, vor allem aus kulinarischen Gründen.

Was mir aber am meisten am Herzen liegt, wäre eine kleine Party. Um endlich mal den ganzen lieben Menschen „Danke sagen“, die uns bislang unterstützt haben.

Wohin geht eure nächste Urlaubsreise?

Mareike: Wenn alles gut geht, werden wir Ende August 2016 Tokio einen Besuch abstatten.

Was wäre geschehen, wenn…

Bitte vervollständigen: Wenn ich Judith bzw. Mareike nicht kennengelernt hätte, dann würde ich heute…

Mareike: Wenn ich Judith nicht kennengelernt hätte, wäre mir eine verdammt gute Zeit in meinem Leben vorbehalten geblieben. Judith gehört zu den Menschen, auf die ich mich selbst nach 3 Stunden Abstinenz freue als hätten wir uns 3 Jahre nicht gesehen.

Judith: Dann wäre Berlin nur halb so schön für mich!

Liebe Judith, liebe Mareike, vielen Dank für eure Zeit und alles Gute!

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