Lemberg zu Silvester – eine Hommage an die Ukraine

In der Ukraine sind aktuell viele Dinge passiert, die auch neutrale Beobachter traurig und betroffen gemacht haben. War es zuerst so, dass Menschen dort friedlich protestieren konnten, gab es zuletzt auch Tote und Schwerstverletzte auf dem Platz „Maidan“ in Kiew. Ich war vor einiger Zeit in Lemberg, zu ukrainisch Lviv, und verbrachte dort mit einheimischen Freunden und Bekannten eine wundervolle Zeit. Eine Hommage an die Ukraine und ihr großartiges Volk.



An erster Stelle einer Reise…

…steht bekanntlich oft ein: Reiseführer. Der rangierte auch bei mir in der Prioritätenliste recht weit oben, doch auf Platz 1 stand eine Flasche Nordhäuser Pfefferminzlikör. Den gibt es in der Ukraine nicht und nur in Thüringen, woher ihn meine ukrainische Gastgeberin kannte und an Silvester auf keinen Fall darauf verzichten wollte. Ihr Name ist Jana, sie war im selben Jahr an meiner damaligen Uni als Gaststudentin gewesen und an Silvester stand mein Gegenbesuch in der Ukraine an.

Jana kommt aus der ostukrainischen Stadt Charkiw, aber ihr expliziter Tipp für einen Ort für die Silvesterfeier war eine der schönsten und vorzeigbarsten Städte der Ukraine: Lemberg. Durch die Geschichte dieser Stadt ziehen sich russische, polnische, österreichische, deutsche und sowjetische Spuren, von einem mehr, vom anderen weniger. Heute ist Lviv (zu russisch übrigens Lwow) wieder ukrainisch, aber jede Nationalität hat hier, für jedermann noch sichtbar, heute noch ihr Erbe.

Da Jana aus Charkiw anreiste und ich aus Berlin, hätte man ja sagen können, wir haben uns ganz fair in der Mitte getroffen. Aber obwohl sie nicht 1 Landesgrenze überschritt, hatte sie eine längere Wegstrecke als ich zurück zu legen. So groß ist die Ukraine bzw. so nah ist Lemberg zu Deutschland entfernt.

11 Uhr vormittags landet mein Flieger auf der Roll- und Landebahn im außerhalb gelegenen Flughafen Lembergs. Militärpolizisten regeln hier die Einweisung und Abfertigung, ihre übergroßen Mützen sehen immer sehr lustig aus. Am Ausgang wartet schon, ganz im weißen Mantel, Jana, und wir düsen in unsere Pension. Diese ist eine schlichte Mietwohnung, aber eine ganz besondere Kostbarkeit: denn es dürfte die letzte, noch zu ergatternde Schlaf- und Kochgelegenheit in Lemberg über Neujahr gewesen sein. Denn Silvester ist hier echt der Bär los.

Empfang im Restaurant „Kryjivka“ mit Maschinenpistole

Nachdem wir meine Euronen in Hrywnja umgetauscht haben, gehen wir in das Restaurant „Kryjivka“, das heißt, wir steigen dorthin hinab! Erst mussten wir es uns mühsam erfragen, aber bald darauf klopfen wir an die Tür. Jana, die wohl schon wusste, was gleich kommt, huscht blitzschnell hinein und ich höre nur noch einen kurzen Dialog, bis ich in die Mündung einer MP sehe.

„Wie ist die Parole?“, will ein bärtiger Bewaffneter von mir wissen! Als man mir das Passwort vorspricht und ich es immerhin bemüht wiederhole, gewährt man uns beiden Einlass. Das Kryjivka ist ein Themenrestaurant in Lemberg, das den Unterschlupf der ukrainischen Partisanengruppe UPA im zweiten Weltkrieg nachempfindet, und das Abfragen der Parole am Eingang gehört natürlich dazu. Überall hängen Waffen und Karten, und auch die Kellner benutzen wohl entsprechendes Untergrundvokabular. Hab ich mir zumindest sagen lassen, denn ich verstehe ja kein Ukrainisch.

Wie kommen wir zu einer Stadtführung in Lemberg?

Blick vom Rathaus in Lemberg auf die Stadt (c) weltvermessen.de

Die Vielvölkerstadt Lemberg (Lviv)

Danach wollen wir eine Stadtführung zu Fuß unternehmen. Aber wo ist die Anlaufstelle für solche Touren? Und finden am 29. Dezember überhaupt noch regelmäßig welche statt? Naaa, sagt Jana, immer zuversichtlich gestimmt, das würden wir schon hinkriegen.

Ein alter Mann, der zu uns kommt und den Leuten Zeitungen zu Gunsten von Obdachlosen verkauft, weiß angeblich Rat. Nachdem wir ihm eine Zeitung abgenommen haben, zückt er sein Handy und tätigt einen Anruf. 15 Minuten später schon erscheint eine professionelle Stadtführerin, die mit uns durch die Straßen geht und allerhand zu erzählen weiß. Beziehungen sind halt das A&O.

Da es schon dunkelt, müssen wir noch etwas einkaufen. Jana hat ihr Handy-Navi nach einem Supermarkt scharfgestellt und wir marschieren los. In der Ukraine gibt es unzählige Hot Spots, die – im Gegensatz zu Deutschland – kostenfrei sind. Es gibt aber immer wieder Funkunterbrechungen, und auch wenn wir eine richtige Richtung gefunden haben, merken wir nach der Wiederherstellung des Signals, dass wir wieder viel zu weit gelaufen sind. So kommen wir erst einmal zu überhaupt keinem Ziel. Allerdings ist das Ansichtssache:

Der längste Marsch – Einkaufen in Lemberg

Lemberg, irgendwann nach 20 Uhr. Jana schaut in ihr Handy-Display, ich trotte hintendrein.

„Thilo! Da! Siehst du!?“

„Was? Sind wir da? Am Supermarkt?“

Jana bleibt weiter vorne stehen. Ich, weiter: „Weil..ich sehe gar keinen. Wie sehen bei euch denn die Supermärkte aus?“

„Guck mal, hier, im Schaufenster!“

„Ja, schon…aber das ist ein Modeladen, wir brauchen auch was zu Essen und..“

„Die Tasche dort, die das Model da hat, die habe ich auch! Also mal gehabt. Inzwischen mag ich sie nicht mehr, und ich habe jetzt diese, schaust du!“

„Ok…“

Kurze Zeit später. Lemberg, weit nach 20 Uhr.

„Das gibt es doch nicht!“

„Was, Jana? Siehst du jetzt was?“

„Aaaaah, so geil!“

„Na, dann hoffe ich mal auf große Auswahl. Gibt es eigentlich auch Netto Ukraine, also so etwas wie Ukrainetto?“

Jana, voll fokussiert, aber nicht auf Supermärkte: „Diese Kette, Thilo!“

„Kaufhauskette?“

„Diese Halskette wollte ich mal unbedingt haben! Jetzt hat sie aber eine Kommilitonin, und jetzt brauche ich was anderes.“

„…“

Sehr lange Zeit später, schon bestimmt nicht mehr Lemberg. Irgendwo in der Zentralukraine, glaub ich.

„Thiiiiilo!!!“

„Welches Schaufenster hast du nun entdeckt…meine Füße tun weh…“

„Was meinst du? Hole doch schon den Einkaufswagen, wir sind da.“

Na, da war ich aber froh. Zurück fahren wir übrigens mit dem Taxi. Also einem Auto mit einem farbigen Prisma auf dem Dach, das geht schon als solches durch. Proviant haben wir genug, schließlich lehrt mich Jana eine ukrainische Weisheit: Zum Ende des Jahres muss der Tisch so reich gedeckt sein, wie er es das ganze neue Jahr über sein soll. Na dann he man tau.

Stadtrundfahrt in Lemberg

Am nächsten Morgen machen wir eine Stadtrundfahrt, in einem roten Mercedes Vario (links) aus Deutschland. Wir möchten die Sehenswürdigkeiten begutachten, die voneinander weit entfernt bzw. auch außerhalb der Stadt liegen.

Das Unternehmen, das die Rundfahrt durchführt, kutschiert allerlei Nationen durch Lemberg, und um den Touristen die Verhaltensregeln im Bus klar zu machen, prangern diese Schildchen (siehe oben Mitte) für alle gut sichtbar an den Rückenlehnen der Sitze. Nur für die Deutschen braucht es anscheinend mal wieder ne Extra-Wurst.

Im Zuge der Stadtrundfahrt sehen wir große Plätze, Theater, die Universität, den Hauptbahnhof und ein wunderschönes Panorama von Lemberg. An dieser Stelle steigen wir aus (rechtes Bild) und können Fotos machen. Von dort aus kann man bis zur Stadt hinunter gehen, und wir tun das, mit einem ganz bestimmten Ziel: dem berühmtesten Restaurant Lembergs.

Das „Stargorod“ in Lemberg – Kellnerinnen in Unterwäsche

Wir haben wirklich Glück, dass wir im „Stargorod“ zu dieser Zeit noch einen Tisch bekommen, kurz vor Jahreswechsel. Mittags ist die Chance allerdings auch höher als abends, hier unangemeldet speisen zu können. An Silvesterabend braucht man es jedoch dann gar nicht erst zu probieren.

Im „Stargorod“ gibt es ein paar Regeln und Besonderheiten, die die Kleiderordnung der Kellnerinnen und andere Kuriositäten beinhalten:

  1. Die Kellnerinnen tragen  bis auf trendige Unterwäsche nichts, verhalten sich aber ganz normal. Es sind keine Stripperinnen oder ähnliches.
  2. Sage niemals etwas gegen Böhmen, die Moldau oder Pavel Nedved: das „Stargorod“ ist ein tschechisches Restaurant, das die besten Knödel weit und breit herbeizaubert!
  3. Wenn das (wohl meist) dunkle Bier an den Tisch gerauscht kommt, dreht die Kellnerin eine Sanduhr auf dem Tisch um. Bevor das letzte Sandkorn heruntergerieselt ist, muss das Bier geleert worden sein.
  4. Als Begleitspeise werden Sonnenblumenkerne gereicht. Dies ist allerdings wieder eine ukrainische Spezialität. Schließlich ist die Ukraine eine der größten Sonnenblumenölexporteurinnen der Welt.

Hinauf auf den Rathausturm!

Rathaus in Lemberg am Marktplatz (c) weltvermessen.de

Der Rathausturm am Marktplatz

Am nächsten Tag soll der Rathausturm auf dem Marktplatz bestiegen werden. Hat Jana so festgelegt. Ich, bekanntlich ein sehr höhenscheuer Mensch, stehe dem kritisch gegenüber. Letztlich war meine Sorge nicht ganz unberechtigt, denn obwohl die alten Holzstiegen halten, sind im Inneren des Bauwerks überhaupt keine Zwischenböden eingezogen, die eine eventuelle Fallhöhe reduzieren würden. Letztlich kommen wir aber heil hoch und wieder herunter.

Das Gute daran war sogar noch, dass wir durch mein Lamentieren so viel Zeit verschleudert haben, dass wir bei den Weihnachtsmarkthütten auf dem Marktplatz drei gute Bekannte von Jana treffen, die sie aus Charkiv her kennt: Polina, Yana und Olesya! Die Ukraine ist über 600.000 Quadratkilometer groß, und an der Zuckerwatte trifft man sich dann. Da steppt der Bär!

Silvester auf dem Rathausplatz in Lemberg feiern: „Snnnovimgdj(o)m!“

Silvester in Lemberg (c) weltvermessen.de

Friedliches Beisammensein an Silvester in der Ukraine

Dazu noch, es ist der 31. Dezember, also der Tag, auf den wir alle gewartet haben und dessentwegen wir ja alle nach Lemberg/Lviv/Lwow gekommen sind! Im Überschwang der Gefühle bieten uns die Mädels um Polina und Co. zwei zunächst übergebliebene Karten für ihre Silvesterfeier im „Stargorod“ an, die am Ende aber doch noch ihre ursprünglichen Abnehmer finden.

Macht nichts, zumindest können wir vorher bei ihnen zu Hause noch anglühen! Eine weitere ukrainische Tradition ist es, am Silvesterabend 50 gute Vorsätze aufzuschreiben, und ein Jahr später abzugleichen, was man davon hinbekommen hat. Beim 27. Satz weiß ich aber schon nicht mehr weiter 🙂

Am Abend feiern die Menschen von Nah und Fern auf dem Rathausplatz in prächtiger Stimmung ins neue Jahr. Ich nerve Jana (und wahrscheinlich jeden anderen Ukrainer, der nicht auch schon betrunken ist) mit meiner eigenen Variante der Aussprache des ukrainischen Neujahrsgrußes. „Snnnovimgdj(o)m!“, scheint es mir von überall her entgegen zu rufen, und „Snnnovimgdj(o)m“ schallt es auch von mir zurück! Als Ukraine-Frischling sei mir das zugestanden, und Hauptsache freundlich mitgefeiert, dann nimmt es mir keiner übel!

An Neujahr noch ins Café Masoch…

In der Nacht des ersten Januartages muss Jana schon wieder abreisen, zurück ans andere Ende der Ukraine. Vor diesem 1000-Kilometer-Trip versuchen wir unser Glück aber noch einmal im „Café Masoch“, wo wir die Tage schon einmal vorbeigegangen sind, bislang jedoch ohne Erfolg auf Einlass.

Benannt ist das Café nach dem 1836 in Lemberg geborenen Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, dessen Name später, ohne dass er damit einverstanden gewesen wäre, zur Entstehung des Begriffs „Masochismus“ führte. Wenn der gute Leopold es sich hätte aussuchen dürfen, wäre er wohl lieber Namenspatron für eine gewisse Wiener Torte geworden.

Wie dem auch immer sei, drinnen haben die Betreiber sich alle Mühe gemacht, den Gästen etwas zu bieten. Unter den vielen Themenrestaurants und –cafés in Lemberg ist das „Café Masoch“ bestimmt das erotischste. An den Wänden sind lange Metallketten und freizügige Bilder aufgehängt, die Speisekarte ist – ihr seht es ja selbst. Wir bestellen von der Karte „die Überraschung“ – was wir dann bekommen haben? Tjaaa, findet es selbst raus und fahrt nach Lemberg!

Der Knaller kommt zum Schluss…

In der Reihe der unvergessenen Dialoge kann ich euch auch den letzten von mir geführten in diesem außergewöhnlichen Land einfach nicht vorenthalten. Da Jana schon in der Nacht vorher abgereist ist, muss ich mit dem Taxi alleine zum Flughafen zurückfahren. Ein Taxi zu finden, ist keine Schwierigkeit, mit dem Fahrer zu kommunizieren, eventuell schon.

Ich komme am Taxistand an und steuere direkt zum ersten Wagen in der Schlange. Nachdem der Fahrer seine Scheibe in Ruhe zu Ende inspiziert hat, lege ich los. Erst einmal auf die einfachste, aber eigentlich aussichtsloseste aller Varianten:

„Son, you’re right driving me to the airport, will you!“

„…“

Naja, das konnte ja nicht gut gehen. Also so, russisch für Dummies, gestern noch notiert:

„Straswuitije. Ja hotschu w aeroportje…“

„..?“

Auch nicht optimal, denn schließlich befinde ich mich so weit weg von Russland wie nur irgend geht in der Ukraine, und meine Ausssprache tut ihr Übriges (nicht). Schließlich verständigen wir uns per Zeichensprache, ein gerade abhebendes Flugzeug hilft uns dabei.

Ich steige ein, und während der Fahrt versucht der Mann es immerhin mit ein bisschen Englisch. Aber aufgrund eines elementaren Engpasses an Vokabular kommt es zu keiner Informationenübertragung zwischen uns. Unterwegs ruft Jana an, um sich nach meinem Vorankommen zu erkundigen. Ich sage, dass alles gut sei und wir gleich da wären. Ich wolle den Fahrer jetzt aber nicht noch weiter stören, sage ich, und lege auf.

Gleich sind wir ja da und ich denke schon an die Ankunft auf deutschem Boden, als ich von einer vergnügten Stimme aus diesen Gedanken geholt werde:

„Warum du hast nicht gesagt, du Deutscher? Immer nicht einfach mit euch, hohoho. Guter Flug, auf Wiedersehen!“

 

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1 Kommentar

  1. Danke, Thilo. Dein Artikel ist super, es zeigt nämlich genau das was ich schon immer allen überall in Deutschland sage: reist in die Ukraine, nach Kiew, nach Lemberg, nach Krim. Die Ukraine hat so viel zu bieten. Es freut mich sehr, dass du ein kleines Teil der Ukraine für dich entdeckt hast, mach einfach weiter.