Santiago: Eine kleine Stadttour durch Chiles Hauptstadt

Santiago: Die neu entdeckte Weltstadt

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, möchte in der berüchtigten Städteliste der New York Times landen, der Liste der „most important cities of the world“. Für Santiago de Chile, das 2011 auf Platz eins landete, war dies wie ein Ritterschlag. Endlich hatte es das schmale, oft vergessene Land am „Ende der Welt“ allen gezeigt, endlich waren die Chilenen wieder präsent auf der Weltbühne – und mit ihnen ihre imposante Hauptstadt.

Santiago de Chile - Südstadt - www.weltvermessen.de

„Santiago ist eine lateinamerikanische Stadt im Aufbruch“ urteilten die Redakteure. Der erste spürbare Aufbruch, den Santiago daraufhin erlebte, waren Delegationen von Journalisten, die geradezu einen Run auf die chilenische Hauptstadt starteten. In ihren Artikeln beschreiben sie das Santiago der High-Fashion Stores, das Santiago der Wolkenkratzer (auch Sanhattan genannt) und das Santiago der edlen Restaurants (Druchschnittspreis pro Abendessen für zwei:100 Euro).

Auf ins wahre Santiago: von der Plaza de Armas bis ins Barrio Brasil!

Zweifellos, das alles ist Santiago. Für die Santiaginer aber ist das, was sie das Santiago „arriba“ nennen, das obere Santiago, das Santiago der Oberschicht, das Santiago der Reichen und Schönen. Es ist ein klinisch sauberer Stadtteil, grau-weiß und gläsern gehalten, fast nur per Auto zu erreichen und der Durchschnitts-Santiaginer kommt nur her, wenn er als Gärtner, Hausmeister oder Nana (Hausmädchen) hier arbeitet. Das restliche Santiago dagegen ist bunt, laut, vielfältig und verrückt – ein perfekt organisiertes Chaos. Als jemand, der fast drei Jahre lang in Santiago gelebt hat, ist das das wahre Santiago!

Santiago de Chile - Plaza de Armas - www.weltvermessen.de

Am besten zu beobachten in der Stadtmitte, an der „Plaza de Armas“. Umgeben von Geschäften, Schulen, Banken und Büros versammeln sich auf dem zentralen Platz tagsüber Straßenhändler, Musikanten, Schnäppchen-Jäger, Schulkinder und Geschäftsleute. Nachts ist es der Ort für Drogenhändler, Prostituierte und Obdachlose. Wer einen repräsentativen Querschnitt der chilenischen Gesellschaft sehen will, muss sich nur eine halbe Stunde lang an der „Plaza de Armas“ postieren und wird vom peruanischen Einwanderer bis zum evangelikalischen Straßenprediger alles beobachten können, was Santiagos Vielseitigkeit ausmacht.

Santiago de Chile - Plaza de Armas - www.weltvermessen.de

15 Minuten und eine Brücke weiter  wechselt dementsprechend auch das Stadtbild. Das „Barrio Brasil“, das Brasilianische Viertel, einst das reiche Kolonialviertel, gilt nun als Stadtteil der Künstler und Studenten. Der Name hat nichts mit dem Land zu tun, sondern leitet sich von der Hauptverkehrsstraße, „Avenida Brasil“, ab. Hier befinden sich die ältesten Häuser der Stadt und leuchten den Spaziergängern in grün, gelb und blau entgegen, die Wände sind voller Grafitti und auf den ehemaligen Prachtboulevards tummeln sich junge Menschen. Im Sommer scheint das ganze Stadtviertel im Park an der Plaza Brasil Eis zu essen, im Winter locken die vielen Cafés und (vor allem chinesische) Restaurants mit guter Küche, gemütlich-warmen Innenräumen und billigen Preisen.

Santiago de Chile - Barrio Brasi - www.weltvermessen.de

Vom schicken Café bis hin zur ranzigen Disko: Der Charme der Bohême in Santiago

Ein ähnliches Flair, aber mit wesentlich mehr Boheme, geht vom Stadtteil „Bellas Artes“ aus. Wenige Minuten vom Zentrum entfernt, finden sich hier Cafés, Bars, Museen und Programmkinos. Auf den Straßen verkaufen Künstler ihre Bilder, Schriftsteller ihre Texte und junge Designer ihre neuesten Kreationen zum Schnäppchenpreis. Bellas Artes ist auch einer der wenigen Orte Santiagos, in denen homosexuelle Pärchen entspannt händchenhaltend durch die Straßen laufen können.

Santiago de Chile - Patio Bellavista - www.weltvermessen.de

Wer es weniger schick, dafür aber lauter und wilder mag, muss nur eine Brücke überqueren und landet gleich im Ausgehviertel „Bellavista“. Die wenigsten Diskos haben hier Namen. Deshalb trifft man sich hier einfach auf der Hauptpartysmeile „Pio Nono“, und folgt dann der Musik. Diese reicht von Raggaeton über Salsa bis hin zu schiefen Tönen aus einer der vielen Karaoke-Bars. Das Beste an Bellavista: das unglaublich ungesunde und billige Essen, das auf der Straße nach den Parties verkauft wird. Besonders empfehlenswert: der „Completo Italiano“, ein chilenischer Hot Dog mit Avocado.

Die besten Schnäppchen der Stadt

Apropos billig: unweit von Bellavista entfernt, liegt sich Santiagos Schnäppchen-Viertel „Patronato“, auch Chinatown genannt. Es sind aber in Wirklichkeit nicht Chinesen, die hier billige Mode und die beste asiatische Küche der Stadt anbieten, sondern die Koreaner. Im selben Stadtteil findet man auch die einzigen araischen Restaurants der Stadt. Gleich um die Ecke liegt Santiagos berühmter Markt, „La Vega“. Er ist an 364 Tagen im Jahr geöffnetund eindeutig die beste Adresse, um frisches Obst, Gemüse, leckeren Käse und saftiges Fleisch zu bekommen – und all das zum Spottpreis. Während viele Touristen in den „Mercado Central“ (dem Hauptmarkt) gelockt werden, gehen die Einheimischen über die Straße, zur „Vega“. Und wer es noch billiger haben will, der sollte zum Bio Bio Markt gehen (nur ein paar Metrostationen von „La Vega“ entfernt) oder am Samstag zum größten Flohmarkt der Stadt, im Viertel Pudahuel. Dieser Stadtteil ist generell einen Besuch wert. Hier leben ärmere Familien direkt neben berühmten Filmstars, ganz ohne die in Chile übliche strikte Trennung der sozialen Schichten.

Santiago de Chile - Chinatown - www.weltvermessen.de

Abseits der Touristenpfade

Für alle, die etwas mehr vom „ursprünglichen“ Chile suchen, denen sei ein Ausflug in den Süden oder in den Norden der Stadt empfohlen. In den Stadtvierteln um „San Joaquin“ und „Recoleta“ sind die Menschen arm, aber herzlich. Hier wird man spontan zur Fahrt auf der Pferdekutsche mitgenommen, hier gibt es die besten Empanadas und Terremotos (die Nationalgerichte Chiles: Teigtaschen gefüllt mit Käse oder Hackfleich und ein wildes Alkoholgebräu, das bezeichnenderweise aufgrund seiner Wirkung „Erdbeben“ getauft wurde), die meisten streunenden Hunde und mit Sicherheit das bunteste Treiben der Stadt. Die Kinder spielen auf der Straße, die Frauen singen bei jeder Gelegenheit und die Männer diskutieren lautstark in den Kneipen über das letzte Fußballspiel. Sicherlich, in diesen bunten, lärmenden und simplen Stadtteilen Santiagos sucht man vergeblich nach Gucci und Starbucks, dafür findet man aber das, was Chile und Santiago ausmacht: Gastfreundschaft und Herzlichkeit.

Santiago de Chile - Alltag - www.weltvermessen.de

weltvermessen.de bedankt sich bei Marinela Potor für diesen Gastartikel. Wenn ihr mehr über Marinela erfahren oder mehr von ihr lesen möchtet, empfehlen wir Marinela’s Blog zu besuchen.

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